Die Versachlichung der Diskussion um Internetsperren

Eine Ver­sach­li­chung der De­batte um In­ter­net­sper­ren ist in Wahl­kampf­zei­ten höchst an­ge­bracht. Wäh­rend sich der Pro­test ge­gen von der Ley­ens Ge­set­zes­ent­wurf in der "In­ter­net­ge­meinde" aus sich selbst her­aus ent­wi­ckelt, setzt die Mi­nis­te­rin ihre PR-Maschinerie zur Um­gar­nung der Mas­sen in Be­we­gung. Da wer­den loyale Ver­bände und Pro­mis ins Boot ge­holt, Um­fra­gen mit ma­ni­pu­la­ti­ven Fra­ge­stel­lun­gen ge­star­tet, Leute ge­gen Be­zah­lung ge­wor­ben, um Un­ter­schrif­ten für die Sper­ren zu sam­meln. Otto von Bis­marck sagt ein­mal "je we­ni­ger die Leute wis­sen, wie Würste und Ge­setze ge­macht wer­den, desto bes­ser schla­fen sie". Die hier an den Tag ge­legte Un­sach­lich­keit sei­tens der Po­li­tik 1.0 lässt mich des­halb auch nicht schla­fen. Bis die Po­li­tik 2.0 wie im Film Us Now so rich­tig in die Gänge kommt, will ich im Fol­gen­den meine sach­li­chen Ar­gu­mente zur Dis­kus­sion um die ge­plan­ten In­ter­net­sper­ren beitragen.

Ar­gu­mente, die tech­ni­scher Sicht ge­gen den der­zei­ti­gen Ent­wurf sprechen:

  • Zur Um­ge­hung der Sper­ren ge­nügt es diese bei­den Code-Zeilen auf ei­nem Windows-Rechner aus­zu­füh­ren (Start > Aus­füh­ren):

    Netsh int ip set dns name = "MeineInternetVerbindung" source = static addr =208.67.222.222
    Netsh int ip add dns name = "MeineInternetVerbindung" addr = 208.67.220.220

    Da­durch wer­den statt der DNS-Server des In­ter­net­pro­vi­ders die von OpenDNS.com ge­nutz. Auf Unix-basierten Rech­nern ist die Ent­sper­rung ebenso einfach.
  • Die der­zeit an­ge­dachte Echt­zeit­pro­to­kol­lie­rung der Zu­griffe auf ge­sperrte Sei­ten ver­leug­net die Tat­sa­che, dass Zu­griffe un­wis­sent­lich er­fol­gen, weil man (a) nicht weiss, wel­che In­halte sich hin­ter ei­ner In­ter­net­adresse ver­ber­gen, (2) mit­tels IFRAMES oder Ja­va­script (Po­pUps) Sei­ten­in­halte (un­sicht­bar) ge­la­den wer­den kön­nen, die sich un­ter ei­ner an­de­ren, als der an­ge­wähl­ten, URL be­fin­den, (3) man­che Brow­ser Sei­ten­in­halte la­den (pre fet­ching), be­vor man auf den ent­spre­chen­den Link klickt und (4) Schad­pro­gramme (Mal­ware, Vi­ren, Tro­ja­ner, etc.) ohne Wis­sen des Be­nut­zers die ge­sperr­ten Sei­ten auf­ru­fen können.
  • Eine Pro­to­kol­lie­rung von Zu­grif­fen auf ge­sperrte In­halte er­for­dert dar­über hin­aus die Spei­che­rung, der sich al­ler 24h ändern­den IP-Adresse des Be­nut­zers. Um die­ser dy­na­mi­schen IP-Adresse fort­lau­fend den zu­ge­hö­ri­gen In­ter­net­an­schluss des Be­nut­zers zu­zu­ord­nen, müss­ten die In­ter­net­pro­vi­der diese In­for­ma­tio­nen den Be­hör­den fort­lau­fend (!) mit­tei­len. Da­für fehlt die ge­setz­li­che Grundlage.
  • Die Dy­na­mik des In­ter­nets wird un­ter­schätzt, da es dem Be­trei­ber ei­ner ge­sperr­ten Seite nur we­nige Mi­nu­ten kos­tet die Web­adresse zu ändern bzw. es ihn nur we­nige Stunde kos­tet sein An­ge­bot auf ei­nen an­de­ren Ser­ver zu verlagern.
  • In­ter­net­dienste wie FTP, IP-Telefonie / Skype und Peer2Peer-Netzwerke (Tausch­bör­sen, Tor­rents, etc.) blei­ben gänz­lich unberücksichtigt.

Tech­ni­sche Alternativen:

  • Als Mit­tel der ers­ten Wahl: Das Ab­schal­ten von Servern/Seiten mit be­denk­li­chen In­hal­ten. Um auch aus­län­di­sche Ser­ver ab­schal­ten zu kön­nen be­darf es mul­ti­la­te­ra­ler Ab­kom­men bzw. di­plo­ma­ti­scher In­itia­ti­ven sei­tens deut­scher Behörden.
  • De­zen­trale Sper­rung be­stimm­ter In­halt im Rou­ter, wie es 1&1 heute vor­ge­schla­gen hat. Da­bei wird der hei­mi­sche Rou­ter so kon­fi­gu­riert, dass je nach Be­nut­zer un­ter­schied­li­che In­halte vom Rou­ter ge­sperrt wer­den. Wäh­rend all­ge­mein il­le­gale In­halte für alle Nut­zer un­zu­gäng­lich sind, er­hal­ten Ju­gend­li­che nur Zu­griff auf Sei­ten, die im Sinne des Ju­gend­schut­zes un­be­denk­lich sind. Für Kin­der gäbe es zu­dem eine so ge­nannte Whit­list mit Sei­ten, die aus­schließ­lich kind­ge­recht sind. Die ver­schie­de­nen Black- und Whi­te­lists sind auf ei­nem zen­tra­len Ser­ver ge­spei­chert und wer­den vom Rou­ter ge­la­den. Die Kon­fi­gu­ra­tion des Rou­ters ob­liegt dem Be­nut­zer. Die Kon­trolle der Lis­ten er­folgt durch eine un­ab­hän­gige Kom­mis­sion ähn­lich wie bei der Klas­si­fi­zie­rung von Ju­gend­ge­fähr­den­den Schriften.
  • Mi­cro­softs Be­triebs­sys­teme bie­ten er­heb­li­che Mög­lich­kei­ten, um Kin­dern den Zu­griff auf ge­fähr­dende Netz­in­halte zu verwehren.
  • IP-Blocking auf ebene der In­ter­netrou­ter, so dass An­fra­gen nach il­le­ga­len Sei­ten nicht wei­ter­ge­lei­tet werden.
  • ...Wem fällt spon­tan noch et­was ein?

Ob­wohl ich kein Ju­rist bin, halte ich die Aus­ge­stal­tung des der­zei­ti­gen Ge­setz­ent­wurfs auf­grund mei­nes rechts­staat­li­chen Emp­fin­dens bzw. mei­nes Be­wusst­seins für De­mo­kra­tie als be­denk­lich weil:

  • ... die Er­stel­lung und Durch­set­zung der Sperr­lis­ten ohne ju­di­ka­tive Kon­trolle er­folgt. Das BKA oder die Po­li­zei mö­gen den Rich­tern oder ei­nem ähn­li­chen Gre­mium Vor­schläge un­ter­brei­ten, wel­che Netz­in­halte be­denk­lich sein, doch die letzt­end­li­che Ent­schei­dung über die Sper­rung ob­liegt der un­ab­hän­gi­gen Kontrollinstanz.
  • ... die Sperr­lis­ten nicht of­fen­ge­legt wer­den. Trotz der tech­ni­schen Be­den­ken muss eine Kon­trolle durch den Bür­ger mög­lich sein. Das schließt die In­ter­ven­tion zur Auf­he­bung von Sper­run­gen und die Ein­rich­tung wei­te­rer Sper­ren mit ein.
  • ... man keine ab­so­lute Si­cher­heit durch die Sper­run­gen er­rei­chen kann? Wenn man ein­mla an­fängt In­halte zu sper­ren, wo lie­gen da die Gren­zen? Selbst wenn man heute der Sper­rung be­stimm­ter In­halte zu­stimmt, heißt das nicht, dass man sich mit den Sperr­lis­ten von mor­gen ein­ver­stan­den er­klärt. Pro­ble­ma­tisch wird es, wenn kein ge­sell­schaft­li­cher Kon­sens über die ge­sperr­ten In­halte vor­han­den ist.
  • GG Art. 5.
  • ... eine Sper­rung von Webin­hal­ten ist im Ver­gleich zu klas­si­schen Me­dien un­ver­hält­nis­mä­ßig. Wäh­rend die als il­le­gal gel­ten­den klas­si­schen Me­dien le­dig­lich ei­nem Veröffentlichungs- und Ver­brei­tungs­ver­bot un­ter­lie­gen, wird bei den On­line Me­dien nicht der Produzent/Publizist, son­dern der Kon­su­ment mit Sank­tio­nen be­legt. Bei­spiels­weise ist die Ver­öf­fent­li­chung und Ver­brei­tung von Hit­lers "Mein Kampf" (aus ur­he­ber­recht­li­chen Grün­den) un­ter­sagt, je­doch nicht der Be­sitz des Wer­kes. Ich ma­che mich also nicht straf­bar, wenn ich ver­su­che Hit­lers Un­sinn in der an­ti­qua­ri­schen Aus­gabe zu le­sen! Darin zeigt sich das Pa­ra­do­xon in der un­glei­chen Zu­gangs­bschrän­kung von Print- und Onlinemedien.

One Response to “Die Versachlichung der Diskussion um Internetsperren”

  1. Katharina Gersdorf Says:

    Das Vi­deo vom Pro­fes­soer Mei­nel finde ich gut und sachlich:

    - In­halte aus dem Netz ver­ban­nen
    - da die Ser­ver meist in Län­dern ste­hen, die nicht ko­ope­rie­ren, auch Sper­ren sinn­voll
    - Sper­ren wir­ken psy­cho­lo­gisch als Straf­an­dro­hung
    - die meis­ten In­ter­net­nut­zer sind keine IT-Spezialisten, die Sper­ren um­ge­hen
    - In­ter­net ist kein rechts­freier Raum
    - wie in den an­de­ren Me­dien, sollte hier auf die In­halte ge­ach­tet wer­den
    - tech­ni­sche Um­set­zung muss erst ge­lernt wer­den
    - recht­staat­li­che Ge­setz­ge­bung und Prü­fung
    - Wirk­sam­keits­kon­trolle und Weiterentwicklung

    un­sach­lich:

    -"Um­fra­gen mit ma­ni­pu­la­ti­ven Fra­ge­stel­lun­gen ge­star­tet"
    -"Leute ge­gen Be­zah­lung geworben"

    Übri­gens ist auch der Be­sitz von Kin­der­por­no­gra­phie ... straf­bar, nicht nur der Vertrieb.

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