19.04.2015

»Theresienstadt-Film« beim Neiße Filmfestival

Zu­sam­men mit Ar­min Pietsch (Hil­ler­sche Villa Zit­tau) ha­ben ich die Ehre den Theresienstadt-​​Film auf dem Neiße Film­fes­tival zei­gen zu kön­nen. Der Film wird in der Reihe von Fil­men zum 70. Jah­res­tag der Be­frei­ung vom Na­tio­nal­so­zia­lis­mus ge­zeigt. Wir wer­den es nicht bei der Auf­füh­rung be­las­sen, son­dern die Ent­ste­hung des Films er­läu­tern, ex­em­pla­ri­sche Sze­nen kom­men­tie­ren und zur Dis­kus­sion auf­ru­fen.
Ein­ge­la­den sind im Be­son­de­ren Schulklassen.

Ter­min: 8. Mai 2015, 13:00, Hil­ler­sche Villa Zittau

Die neu­er­lich auf­ge­tauch­ten Frag­mente des NS-​​Propagandafilms über das Le­ben im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger The­re­si­en­stadt ist für die Ge­schichts­di­dak­tik in viel­fa­cher Hin­sicht ein wert­vol­les Zeit­do­ku­ment. Ers­tens las­sen sich an­hand der Sze­nen die Orte im La­ger iden­ti­fi­zie­ren. Zwei­tens sind in dem Film eine ganze Reihe be­rühm­ter jü­di­scher Wis­sen­schaft­ler, Künst­ler und an­dere Per­sön­lich­kei­ten zu se­hen. Drit­tens kann man an­hand des Do­ku­ments die zahl­rei­chen Pro­pa­gan­dalü­gen und Täu­schun­gen des für das Aus­land be­stimm­ten Films auf­de­cken. Bis­he­rige his­to­ri­sche Ab­hand­lun­gen wa­ren, iso­liert vom ei­gent­li­chen Ge­gen­stand des Fil­mes, als Text ver­fasst und da­mit we­der in technisch-​​gestalterischer, noch in me­di­en­di­dak­ti­scher Hin­sicht ef­fek­tiv. Ziel des Pro­jek­tes ist ne­ben der me­di­en­ad­äqua­ten Auf­be­rei­tung die Kon­zep­tion ge­eig­ne­ter Ko­ope­ra­ti­ons­kripts, um ge­mein­schaft­li­che Lern­si­tua­tio­nen herzustellen.

Ab­stract
Die Idee, ei­nen Pro­pa­gan­da­film über den All­tag im „Ghetto The­re­si­en­stadt“ zu dre­hen, geht auf den Lei­ter des „Zen­tral­amts zur Re­ge­lung der Ju­den­frage in Böh­men und Mäh­ren“, SS-​​Sturmbannführer Hans Gün­ther, zu­rück. Auch die Her­stel­lung des Films war ein rei­nes SS-​​Projekt ohne Be­tei­li­gung des Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­ums. Um The­re­si­en­stadt in ei­nen ge­eig­ne­ten Schau­platz für ei­nen be­schö­ni­gen­den Pro­pa­gan­da­film um­zu­ge­stal­ten, wurde Ende 1943 die so ge­nannte „Stadt­ver­schö­ne­rung“ ge­star­tet. Nach und nach ver­wan­delte sich das Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger in ein po­tem­kin­sches Dorf mit ge­fäl­li­gem Stadt­bild. Ein­rich­tun­gen wie Kaf­fee­haus, Post­stelle, Bank, Bi­blio­thek, Kran­ken­haus, öffent­li­ches Bad, Kin­der­spiel­platz und Park­an­la­gen soll­ten den An­schein ei­ner nor­ma­len jü­di­schen Ge­meinde er­we­cken, de­ren Ein­woh­ner ein an­ge­neh­mes und sor­gen­freies Le­ben führ­ten.
Der Theresienstadt-​​Propagandafilm ist nur in frag­men­ta­ri­scher Form er­hal­ten ge­blie­ben und wurde nach Kriegs­ende zu­nächst un­ter dem ver­meint­li­chen Ti­tel „Der Füh­rer schenkt den Ju­den eine Stadt“ be­kannt. Die­ser Ti­tel ist mit ho­her Wahr­schein­lich­keit eine geis­tige Schöp­fung ei­ni­ger Häft­linge ge­we­sen, der be­reits wäh­rend der Dreh­ar­bei­ten im La­ger rasch ver­brei­tet wurde und den zy­ni­schen Ab­sich­ten des Films mit bei­ßen­der Iro­nie und schwar­zem Hu­mors be­geg­net. Selbst die wis­sen­schaft­li­che Li­te­ra­tur zi­tierte die­sen Ti­tel bis in die spä­ten 80er Jahre des 20. Jahr­hun­derts. Erst das Auf­fin­den ei­ni­ger Ka­der aus der Ti­tel­se­quenz im Yad Vas­hem und die For­schun­gen des hol­län­di­schen His­to­ri­kers Ka­rel Mar­gry ha­ben den au­then­ti­schen Ti­tel ein­deu­tig be­le­gen kön­nen: THERESIENSTADT. EIN DOKUMENTARFILM AUS DEM JÜDISCHEN SIEDLUNGSGEBIET.

Worin liegt nun die Ein­zig­ar­tig­keit die­ses Film­do­ku­ments? Wie be­reits fest­ge­stellt, ist die weit­ge­hende Auf­lö­sung des na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Feindbild-​​Antagonismus „deut­scher Her­ren­mensch ver­sus jü­di­scher Un­ter­mensch“, also die aus­nahms­los po­si­tive Dar­stel­lung des jü­di­schen All­tags­le­bens, in ei­nem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Pro­pa­gan­da­film sehr un­ge­wöhn­lich und man kann an­neh­men, dass ein re­gu­lä­rer Ki­no­ein­satz zu ei­ni­ger Ver­wir­rung ge­führt hätte. In kras­sem Ge­gen­satz dazu steht etwa der 1942 im War­schauer Ghetto ge­drehte Pro­pa­gan­da­film „Ghetto“15.

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Die Pro­jekt­durch­füh­rung er­folgte teil­weise im Rah­men des E-​​Learning Clus­ters von eSci­ence Sach­sen (Pro­jekt „Ko­vi­Lern“), ge­för­dert durch den Eu­ro­päi­schen So­zi­al­fond und den Frei­staat Sach­sen. Die Re­pro­duk­tion des Films beim Bun­des­ar­chiv wurde durch die Crowd bei Start­Next finanziert.

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9.02.2015

Hypervideo: Kubikfoto des Braunkohleabbaus in der Lausitz

Green­peace en­ga­giert sich seit ge­rau­mer Zeit ge­gen die Er­schlie­ßung wei­te­rer Braun­koh­le­ta­ge­baue in der säch­si­schen und bran­den­bur­gi­schen Lau­sitz. Ein Aus­druck die­ses En­ga­ge­ment zeigt sich in ei­ner sehr äste­thi­schen Kam­pa­gne braunkohle.info.
Um­ge­setzt wurde diese von ei­ner Bre­mer Agen­tur na­mens Ku­bik­foto. Das gleich­na­mige Pro­dukt ver­knüpft Fo­tos und kurze Vi­deos zu ei­nem in­ter­ak­ti­ven Sto­ry­space. Nach dem Prin­zip De­tail on De­mand kann der An­wen­der die Bil­der oder Vi­deos per Klick ver­tie­fen und im­mer neue kurze Ge­schich­ten, Be­richte, Fo­to­al­ben, Pan­ora­ma­bil­der usw. be­trach­ten. Man könnte auch sa­gen, dass Ku­bik­foto das Kon­zept von Prezi mit Hilfe von Vi­deos um­setzt, wo­bei es Hy­per­vi­deos die­ser Art schon seit den 1970er Jah­ren gibt. An­ge­rei­chert sind auch kleine Spiele, in de­nen Be­nut­zer­in­ter­ak­tio­nen, wie das Ab-​​ und Auf­hän­gen ei­nes Bil­des, die Wie­der­gabe von Me­dien auslösen.

Sehr be­ein­dru­ckend sind da­bei die Über­gänge zwi­schen den Sze­nen. In ei­ner Mi­schung aus Stop Mo­tion und Mo­tion Blur ver­schwimmt der Weg zwi­schen zwei Dreh­or­ten in ei­nem kon­ti­nu­ier­li­chen Fluss. Jen­seits von For­schung­pro­to­ty­pen habe ich auch eine Zeit­leis­ten­steue­rung in­ner­halb des Vi­deos noch nicht ge­se­hen. Wäh­rend die kur­zen Clips gänz­lich ohne Zeit­leiste aus­kom­men, kann man in ei­ni­gen Fil­men ein Scrub­ber im Vi­deo­bild hin und her schie­ben, um die Ab­spiel­po­si­tion zu va­ri­ie­ren.
Be­mer­kens­wert finde ich auch Mög­lich­keit in­ner­halb des Be­trach­tungs­fens­ters das darin be­find­li­che Vi­deo oder Bild per Maus zu ver­schie­ben. Da­durch wirkt es, als könne man sich in ei­ner Sze­ne­rie selbst umsehen.

Zu­sam­men­ge­fasst er­achte ich Ku­bik­foto als eine der be­mer­kens­wer­tes­ten Hypervideo-​​Realisationen, die ich in den letz­ten Jah­ren ge­se­hen habe. Trotz­dem der Pro­duk­ti­ons­auf­wand in den Kubik-​​Studios of­fen­bar sehr hoch ist und das zur Um­set­zung not­wen­dige Werk­zeug das Ka­pi­tal der Agen­tur dar­stellt, wäre eine stär­kere In­ter­ak­tion mit den Nut­zer wün­schens­wert. In den USA hätte man für die­ses Tool si­cher ge­nug Ri­si­ko­ka­pi­tal auf­trei­ben kön­nen, um eine Kubik-​​Community oder ein Kubik-​​Portal zu ent­wi­ckeln. Wa­rum ver­ste­cken sich die Deut­schen im­mer hin­ter ih­ren klein­tei­li­gen Lö­sun­gen, an­statt sie groß raus zu­brin­gen? Ich sehe hier auch sehr viel Po­ten­tial im Be­reich der Ga­mi­fi­ca­tion, die über die halb­her­zi­gen YouTube Ga­mes hin­aus­ge­hen. Ich würde je­den­falls gern ein paar der UI Kon­zepte auf­grei­fen und im Kon­text des Ler­nens mit Vi­deos umsetzen.

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5.02.2015

Midreshet Ben-Gurion: joking campus promotion

As we live here for one month now the pro­mi­ses of the fol­lo­wing vi­deo have be­come true.

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27.01.2015

Geo Search Tool: Lokale Suche mit YouTube

Wenn sich die Welt mal wie­der schnel­ler dreht als die Me­dien dar­über be­rich­ten kön­nen, kann eine orts­be­zo­gene Su­che Ein­sich­ten ver­schaf­fen.
YouTube hat auf Grund­lage sei­ner ak­tu­el­len API nun eine Web-​​Anwendung na­mens Geo Se­arch Lo­cal ent­wi­ckelt, mit der die jüngs­ten Uploads in Ab­hän­gig­keit von Geo-​​Koordinaten oder Orts­na­men an­ge­zeigt wer­den. Die Su­che kann durch Such­be­griffe, den Ein­zugs­ra­dius von 1-​​1000 km und Zeit­räu­men zwi­schen ei­ner Stunde und ei­nem Jahr ein­ge­grenzt wer­den. In die Su­che ein­bes­zo­gen wer­den kön­nen je­doch nur Vi­deos, die mit Ortsangaben/​Geodaten ge­tagt sind.

Der­zeit kann man sich die zum Bei­spiel Vi­deos von den Kampf­hand­lun­gen in der Ost­ukraine su­chen. Aber auch die re­gio­nale Su­che in sehr länd­li­chen Re­gio­nen hat sei­nen Charme.

Der Quell­code ist bei git­Hub zu finden.

Geo Se­arch Local

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26.01.2015

In Ruhe forschen: Midreshet Ben-Gurion

Ein­gang zum Cam­pus des Ja­cob Blaustein In­sti­tut in Mid­res­het Ben-​​Gurion

Die schon am IHI Zit­tau ge­prie­sene Klein­heit kommt in Mid­res­het Ben-​​Gurion voll und ganz zum tra­gen. Die Wege sind kurz und al­les Le­bens­not­wen­dige ist ver­füg­bar. Mit 200 Stu­die­ren­den und 1600 Ein­woh­nern ist der Ort recht klein. Man kennt sich und grüßt dar­über hin­aus. Das Durch­schnitts­al­ter ist sehr nied­rig und die Ge­bur­ten­rate (wie übe­r­all im Land) mit 2,4 Kin­der pro Frau recht hoch. Hinzu kommt ein aus­ge­wo­ge­nes Maß an Ab­len­kung: Das Cafe und die zwei Bars ha­ben nicht je­den Tag ge­öff­net, wäh­rend mehre Sport­plätze, eine Turn­halle, ein Frei­bad und der Na­tio­nal­park zum Wan­dern ein­la­den. Be­mer­kens­wert ist die ge­lebte Schenk-​​ und Tau­schöko­no­mie: im Wasch­sa­lon fin­den sich täg­lich neue Ge­braucht­klei­der zum mit­neh­men; in ei­ner Open Li­brary kann man Bü­cher ein­stel­len und mit­neh­men; je­den Sams­tag or­ga­ni­sie­ren Leute ein Cafe mit selbst­ge­ba­cke­nen Ku­chen und Ge­trän­ken. Si­cher­lich sind diese Ge­mein­schafts­for­men auch durch den enorm teu­ren Le­bens­un­ter­halt mo­ti­viert (siehe Milki-​​Protest [1]).

Studenten-​​ und Gäs­te­häu­ser der Universität.

Auch die Un­ter­künfte sind klein, so dass man gar nicht in die Ver­le­gen­heit kommt ein Über­maß an Din­gen zu hor­ten, de­ren Pflege und Be­nut­zung Zeit be­an­sprucht.  Zu dritt be­woh­nen wir we­ni­ger als 30m². Jede Ecke des Rau­mes hat eine Funk­tion: Ko­chen, Ar­bei­ten, Schla­fen, Ausspannen/​Spielen, Bad. Der In­halt un­se­rer zwei Kof­fer füllt nicht ein­mal die Schränke, doch es fehlt uns an nichts.

Can­jon des Zin.

Am süd­li­chen Orts­rand er­streckt sich ein Tal, was sich Rich­tung Wes­ten zum Can­jon von En-​​Avdat ver­engt. Durch diese Mond­land­schaft bahnt sich ein paar mal im Jahr ein Fluss, oder bes­ser ge­sagt Wadi, na­mens Nahal Zin sei­nen Weg. Wir hat­ten das Glück die­ses Schau­spiel im Ja­nuar zu er­le­ben. Stra­ßen wur­den un­pas­sie­bar und rie­sige Was­ser­fäl­len ent­stan­den aus dem Nichts.

Die ma­jes­tä­ti­schen Stein­bö­cke soll­ten sich ei­gent­lich im an­gren­zen­den Ben-​​Gurion Na­tio­nal­park tum­meln, statt des­sen zie­hen sie durch die Stra­ßen und plün­dern manch Garten.

Bun­ker.

So wie fast täg­lich Kampf­flug­zeuge ihre Pi­rou­et­ten über uns dre­hen, stellt auch der An­blick von Bun­kern et­was All­täg­li­ches dar. Diese muss­ten die Ein­woh­ner zu­letzt wäh­rend des Gaza-​​Konflikts im Som­mer 2014 auf­su­chen. Si­cher­heits­kon­trol­len an Bahn­hö­fen und Ein­kauf­zen­tren so­wie voll be­waff­nete Sol­da­ten, die zwi­schen ih­rer Ba­sis und dem Hei­mat­ort pen­deln, sind hier Nor­ma­li­tät. Die stän­dige Be­dro­hungs­lage führt je­doch auch zu ei­ner be­son­de­ren Für­sorge. Is­rae­lis pas­sen auf­ein­an­der auf und küm­mern sich um ihre Mit­men­schen. Das be­ginnt schon auf der Straße, wo man ein­an­der grüßt und den Blick­kon­takt sucht. Wer Hilfe be­nö­tigt, be­kommt sie ohne ein Nör­geln und in ei­ner zu­vor­kom­men­den Weise.

Ab­ge­se­hen von der na­tür­li­chen Grenze des Can­yon um­gibt ein Si­cher­heits­zaun den Ort. An­lass zur Er­rich­tung die­ser Zäune wa­ren nächt­li­che Die­bes­züge von Be­dui­nen, die mit LKWs durch den Ort fuh­ren, um Fahr­rä­der zu steh­len. Hof­fent­lich nimmt sich das nie­mand aus der Oberlausitz/​Lausitz zu Her­zen, um sich ge­gen die so­ge­nann­ten Grenz­kri­mi­na­li­tät zu wappnen.

Ein ech­ter Sand­platz mit Po­ten­tial zur Ver­grö­ße­rung des Spielfelds.

Mid­res­het Ben-​​Gurion ist also ein gu­ter Ort zum Experimentieren.

23.12.2014

Der Braune Hirsch aus Lübeck*

Die Kon­tro­verse über den Lü­be­cker Un­ter­neh­mer und Pro­fes­sor Win­fried Stö­cker ist im vol­lem Gange. Nach­dem Stö­cker in sei­nem Gör­lit­zer Ju­gend­stil­kauf­haus ein Be­ne­fiz­kon­zert zu­guns­ten von Flücht­lin­gen un­ter­sagt hatte, ka­ta­pul­tierte er sich in ei­nem In­ter­view mit der Säch­si­schen Zei­tung ins rechte Ab­seits. Ich zitiere:

  • "Mir sind aber so viele aus­län­di­sche Flücht­linge nicht willkommen."
  • Über die Flücht­linge aus Afrika: "Die rei­se­freu­di­gen Afri­ka­ner sol­len sich da­für ein­set­zen, dass der Le­bens­stan­dard in ih­rem Afrika ge­ho­ben wird, an­stelle bei uns bet­teln zu gehen."
  • "Vor zwan­zig Jah­ren ha­ben sich in Ru­anda die Ne­ger mil­lio­nen­fach abgeschlachtet."
  • "Aber sie [die Tür­ken] ha­ben nach mei­ner Auf­fas­sung kein Recht, sich in Deutsch­land fest­zu­set­zen und dar­auf hin­zu­ar­bei­ten, uns zu ver­drän­gen, dar­auf läuft es hin­aus, wenn nicht ge­gen­ge­steu­ert wird!"
  • "Viele Tür­ken kom­men auf ei­ner Ein­bahn­straße in un­ser Land, in­dem die El­tern ihre Kin­der ganz ge­zielt in Rich­tung Deutsch­land ver­hei­ra­ten, es hei­ra­tet nie­mand in die an­dere Richtung."

Der MDR gab Stö­cker nun die Ge­le­gen­heit seine Worte ins rich­tige Licht zu rü­cken. Da­bei mil­derte er seine Wort­wahl, ar­gu­men­tierte je­doch wei­ter ge­gen Zu­wan­de­rung und so­gar ge­gen das Weih­nachts­fest. Dies ge­fiel den Gör­lit­zern über­haupt nicht. Der OB Dei­nige kri­ti­sierte Stö­cker hef­tig. Der För­der­ver­ein des Kauf­hau­ses am De­mia­ni­platz löste sich kur­zer­hand auf. Ei­nige Emp­fän­ger von Stö­ckers Geld­ge­schen­ken, ga­ben das Geld zurück.

Die Gör­lit­zer ha­ben da­mit Mut be­wie­sen, ihre Werte nicht für das Geld ei­nes In­ves­tors zu ver­kau­fen. Doch am fi­nan­zi­el­len Tropf des Mä­zens hängt nicht nur Gör­litz. Viele wei­tere Kom­mu­nen so­wie so­ziale und kul­tu­relle Ein­rich­tun­gen lis­ten Stö­cker als Spon­sor und Un­ter­stüt­zer. So ist Win­fried Stö­cker bei­spiels­weise ein pri­va­ter Mä­zen der Bay­reu­ther Fest­spiele, des Lü­be­cker Thea­ters und der Sem­per­oper bzw. der Dresd­ner Staats­ka­pelle. Auch die Diakonie-​​Sozialwerk Lau­sitz und ** das Herrn­hu­ter Hos­piz un­ter­stützt er pri­vat oder im Na­men sei­ner Firma. Wahr­schein­lich för­dert er noch dut­zende an­dere Ein­rich­tun­gen. Es lässt sich nicht re­cher­chie­ren, denn er prahlt da­mit nicht. Im Be­son­de­ren wirkt Stö­cker in der Ge­gend von Bern­stadt und Herrn­hut. In Herrn­huts Orts­teil Ren­ners­dorf un­ter­hält Stö­cker ei­nen Stand­ort von Eu­ro­im­mun. In Bern­stadt ist er auf­ge­wach­sen, dort be­treibt er u.a. ei­nen Kin­der­gar­ten, ein Kul­tur­zen­trum (Kies­dorf) und das Tra­di­ti­ons­ho­tel "Brau­ner Hirsch".

Die Frage ist nun, wel­che die­ser Ein­rich­tun­gen und Kom­mu­nen den Mut auf­brin­gen, sich ge­gen Stö­ckers frem­den­feind­li­che und ras­sis­ti­sche Mei­nung zu stel­len. Vor al­lem die Stadt Herrn­hut*** mit ih­rer christ­li­chen und hu­ma­nis­ti­schen Tra­di­tion täte gut daran, ein Zei­chen der Nächs­ten­liebe und To­le­ranz aus­zu­sen­den. Herrn­hut würde ohne Zu­wan­de­rung der "rei­se­freu­di­gen" Glaubs­flücht­linge aus Böh­men und Mäh­ren gar nicht exis­tie­ren. Bern­stadt hat da­hin­ge­hend keine so starke Tra­di­tion und be­fin­det sich in ei­ner un­gleich grö­ße­ren Ab­hän­gig­keit von Eu­ro­im­mun und Stö­ckers En­ga­ge­ment. Den­noch ist es falsch, sich durch ein Schwei­gen ge­gen die nach Bern­stadt zu­ge­wan­der­ten Men­schen und die christ­li­che Tra­di­tion des auf klös­ter­li­chen Land ge­grün­de­ten Or­tes zu stellen.

** Up­date: Die Stif­tung Diakonie-​​Sozialwerk Lau­sitz hat die von W. Söcker er­hal­te­nen Gel­der laut Frau Ste­pha­nie Giert zu­rück­ge­ge­ben und konnte den Aus­fall durch an­dere Spen­der kompensieren.

*** Up­date: Eine An­frage bei der Stadt­ver­wal­tung blieb bis­lang unbeantwortet.

16.12.2014

PEGIDA und die Rufe der Überforderten

Me­dien und Po­li­tik kön­nen PEGIDA nicht grei­fen. Es gibt we­der ei­nen wah­ren An­füh­rer, noch Kom­pe­tenz­struk­tu­ren oder eine ge­rich­tete Kom­mu­ni­ka­tion nach Au­ßen. Alle de­mons­trie­ren und kom­men­tie­ren wie es ih­nen be­liebt und las­sen sich ei­nen Maul­korb ver­pas­sen, wenn sie von Me­di­en­ver­tre­tern di­rekt an­ge­spro­chen wer­den. Das dif­fuse Ram­pen­licht bei Face­book und auf den Stra­ßen und Plät­zen  för­dert da­bei ra­di­kale und ex­treme Ansich­ten zu­tage - wer am lau­tes­ten schreit, fin­det Be­ach­tung. In­zwi­schen hat auch der letzte ka­piert, dass die So­zia­len Netz­werke kaum mehr als ver­län­gerte Stamm­ti­sche sind.

Zu­nächst er­in­nert die­ses Chaos je­doch an an­dere Pro­test­be­we­gun­gen. Ohne feste Struk­tur stellte sich die spa­ni­sche Pro­test­be­we­gung Movimi­ento 15-​​M der Öffent­lich­keit - frei­lich mit hehe­ren Zie­len. Dort ro­tier­ten die Spre­cher täg­lich, wäh­rend in­tern sehr in­ten­siv de­bat­tiert und ab­ge­stimmt wurde. Auch die Pi­ra­ten­par­tei scho­ckierte die Me­dien durch eine un­ko­or­di­nierte Kom­mu­ni­ka­tion auf hun­der­ten Ka­nä­len (Wiki, Blogs, twit­ter, Mai­ling­lis­ten). Die an­ge­streb­ten ba­sis­de­mo­kra­ti­schen Grund­sätze ver­hin­der­ten selbst Stel­lung­nah­men der in­tern ge­wähl­ten Ver­tre­ter, wel­chen die Rolle von Ver­mitt­lern und Ver­wal­tern zu­ge­spro­chen wurde. Die Pi­ra­ten wa­ren in­halt­lich ähn­lich ho­mo­gen und fun­gier­ten lange Zeit als Sam­mel­be­cken di­ver­ser po­li­ti­scher, vor al­lem lin­ker Strö­mun­gen. 15-​​M und die Pi­ra­ten spra­chen sich je­doch für In­no­va­tio­nen aus. Bei PEGIDA über­wiegt eine kul­tur­pes­si­mis­ti­sche Grund­ein­stel­lung, die ich als Kern der Be­we­gung be­greife. Kul­tur­pes­si­mis­ten glau­ben an ei­nen stän­di­gen Ab­stieg von ei­nem gu­ten oder idea­len emp­fun­de­nen Ur­zu­stand. Ins­be­son­dere der Fort­schritt in al­len Kul­tur­be­rei­chen wird pes­si­mis­tisch ge­se­hen. Da­bei geht es nicht al­lein um den tech­ni­schen, son­dern ins­be­son­dere den da­mit im­mer ein­her­ge­hen ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt. An­hand der fol­gen­den vier Bei­spiele möchte ich diese Denk­weise ver­su­chen zu erklären:

  • Su­pra­na­tio­nale De­mo­kra­tie und Staats­we­sen: Die Kom­ple­xi­tät der fö­de­ra­len und bun­des­deut­schen Staats­form mit  sei­nen Gre­mien, Pro­zes­sen und Ge­set­zen wird durch Ein­bin­dung in die EU noch ein­mal über­trof­fen. Wie Leo­pold Korr und Kurt Schu­ma­cher schon pre­dig­ten, wün­schen sich nicht we­nige ein Eu­ropa der (über­schau­ba­ren) Re­gio­nen. Die Un­ab­hän­gig­keits­be­we­gun­gen in Schott­land, Bas­ken­land und Fla­men ge­ben Bei­spiele da­für ab.
  • Plu­ra­lis­ti­sche Ge­sell­schaft: Eine Viel­falt an Kul­tu­ren, Spra­chen, Re­li­gio­nen, po­li­ti­schen Ge­sin­nun­gen, Gen­de­ri­sie­rung und nicht zu­letzt an Le­bens­ent­wür­fen ge­hört zu un­se­rem All­tag. Wer da­mit zu­recht kom­men möchte, be­nö­tigt ei­nen dif­fe­ren­zier­ten Über­blick über das ge­sell­schaft­li­che Spek­trum und vor al­lem Em­pa­thie für die An­ders­den­ken­den. Die Fä­hig­keit zur Em­pa­thie ist in An­be­tracht von Krie­gen, Post-​​Kolonialismus und Um­welt­zer­stö­rung zentral.
  • Glo­ba­ler Wett­be­werb: Un­ter­neh­men se­hen sich ei­nem glo­ba­len Wett­be­werb kon­fron­tiert und agie­ren ebenso glo­bal. Die Ar­beit­neh­mer­frei­zü­gig­keit in Eu­ropa hat die­sen Wett­be­werb auch auf dem Ar­beits­markt über­tra­gen. Vor­aus­set­zung für die­sen Wett­be­werb sind die tech­ni­schen Mit­tel zur Kom­mu­ni­ka­tion und Mobilität.
  • Automatisierung/​Digitalisierung: Die Au­to­ma­ti­sie­rung in der Pro­duk­tion und die Di­gi­ta­li­sie­rung im Dienst­leis­tungs­sek­tor for­dert Ar­beits­plätze von we­ni­ger qua­li­fi­zier­tem Per­so­nal. Die Ver­drän­gung des Men­schen durch Ma­schi­nen ver­langt den Be­trof­fe­nen die Fä­hig­keit zur Be­herr­schung Ma­schi­nen ab. Nicht je­der ist dazu im Stande. Wer Tech­no­lo­gie nicht be­herrscht, wird von ihr mit­be­herrscht (z.B. NSA, Daten­schutz im So­cial Web, Fahr­zeug­na­vi­ga­tion, ect.). Pro­ble­ma­tisch ist da­bei ins­be­son­dere die Ge­schwin­dig­keit der Vor­gänge, na­ment­lich die kur­zen Innovations-​​ und Pro­dukt­zy­klen, aber auch ra­san­ten Ab­läufe wie im elek­tro­ni­schen Bör­sen­han­del (vgl. Paul Vi­rillo).

Die Über­for­de­rung mit dem wirt­schaft­li­chen, tech­no­lo­gi­schen und or­ga­ni­sa­to­ri­schen wie auch dem ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt wälzt PEGIDA ins­be­son­dere auf Asyl­be­wer­ber ab. Asyl­su­chende sind in un­se­rer Ge­sell­schaft am schlech­tes­ten ge­stellt. Sie wer­den schlecht fi­nan­ziert, be­sit­zen kaum Be­we­gungs­frei­heit, ha­ben kein Recht auf Ar­beit und sind von der  de­mo­kra­ti­schen Teil­habe aus­ge­schlos­sen. Und sie sind in der Min­der­heit. Sie kön­nen sich zah­len­mä­ßig ohne un­sere Un­ter­stüt­zung nicht (po­li­tisch) weh­ren. Die ein­gangs ge­nann­ten vier kul­tur­pes­si­mis­ti­schen Per­spek­ti­ven fin­den sich mehr oder we­ni­ger ver­steckt in den Kom­men­ta­ren und auf den Trans­pa­ren­ten von PEGIDA wie­der: Eu­ropa soll die Ein­wan­de­rungs­po­li­tik neu re­geln; die eth­ni­sche Her­kunft soll im Straf­recht be­rück­sich­tigt wer­den; usw.

Ich denke es ist wich­tig die­sen Aus­druck von Über­for­de­rung ernst zu neh­men und von den Pa­ro­len zu ab­stra­hie­ren. Es gibt in Deutsch­land bis­wei­len keine Par­tei, die sich ge­gen den Fort­schritt stellt. Nicht ein­mal die Wachs­tums­kri­ti­ker stel­len sich ge­gen so­ziale oder tech­ni­sche In­no­va­tio­nen. Dies wäre auch eine un­pas­sende Ant­wort die be­ste­hen­den Pro­bleme welt­weit (z.B. Mill­en­nium Ent­wick­lungs­ziele, Kyoto-​​Ziele, ect.).

Die Glo­ri­fi­zie­rung des Gest­ri­gen (Ostalgie/​DDR) und das ty­pisch deut­sche "frü­her war al­les bes­ser" kocht übri­gens nicht zum ers­ten mal hoch. Be­reits Hit­ler knüpfte ar­gu­men­ta­tiv an die Zeit vor dem 1. Welt­krieg an und schon wäh­rend der We­ber­auf­stände im 18. und 19. Jahr­hun­dert ga­ben die ar­beits­los ge­wor­de­nen We­ber den Ma­schi­nen und Fa­bri­kan­ten die Schuld an ih­rer (nicht un­be­dingt selbst­ver­schul­de­ten) Mi­sere. Es gibt si­cher tref­fen­dere Bei­spiele aus der Ge­schichte, von de­nen wir hier in Dres­den und Sach­sen ler­nen kön­nen, wie ein über­for­der­tes Volk zu ei­nem bür­ger­lich li­be­ra­le­ren Kurs fin­den kann.

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