Social Entrepreneurs im IT Sektor

Seit einigen Jahren höre und lese ich verstärkt vom weltweiten sozialen Unternehmertum, wie kleine und feine Unternehmen es sich zur Aufgabe gemacht haben ein gesellschaftliches Problem zu lösen. Erst an zweiter Stelle geht es ihnen um den Gewinn, wobei sie wirtschaftlich/finanziell unabhängig sind. Eine winzige Unternehmung dieser Art (Soliwein) habe ich letztes Jahr in Dresden praktisch unterstützt. Und: das Geschäft läuft.

Seit dem frage ich mich, ob es Social Entrepreneurs auch im IT Sektor gibt? Oder: Wie kann man als Informatiker in diesem Feld tätig werden?

Dazu habe ich bei den beiden größten und bekanntesten Geldgebern im Bereich der Social Entrepreneure (Schwab Foundation, Ashoka) recherchiert und immerhin fünf Unternehmen finden können, die durch ihre IT Kompetenz (auch) Lösungen für gesellschaftliche und soziale Probleme anbieten.
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CODOC – Interaktive Dokumentarfilme

Webvideos sind bekanntlich kaum interaktiver als das, was man am Fernsehgerät so einstellen kann. Die Produktionsfirmer CODOC hat nun einen eigenen, experimentellen Player entwickelt, mit dem man mehrere Informationsschichten auf das Video legen kann (layered video). Per Klick auf Hyperlinks pausiert das Video während in kleinen Fenstern Zusatzinformationen wie Text, Bilder oder (Google-)Karten erscheinen. Der Ansatz erinnert sehr stark an Moziallas Popcorn Maker, ist jedoch wesentlich liebevoller ausgeführt, als das, was Mozilla bislang als Anwendungsbeispiele vorweisen kann. Dies liegt nicht zuletzt an den professionell produzierten Filmen.

Leider läuft der experimentelle Player derzeit nur im Safari Browser und auf dem Apfelbrett. Hier deshalb vorerst eine Screencast:

Oststerne

Mit dem Jahreswechsel verlor nicht nur mein oberlausitzer Heimatdorf Berthelsdorf seine Eigenständigkeit, sondern auch die universitäre Einrichtung im südöstlichen Zipfel Sachsens, an der ich arbeite und forsche. Die Gemeinde Berthelsdorf ist nun ein Ortsteil des weltbekannten Städtchens Herrnhut, genau wie das Internationale Hochschulinstitut (IHI) Zittau nun eine Zentrale Wissenschaftliche Einrichtung der ebenso weltbekannten und exzellent betitelten TU Dresden geworden ist.

Beide Eingliederungen sind eine Ironie der Geschichte. Herrnhut selbst wurde 1722 auf Berthelsdorfer Grund und Boden gegründet (Korschelt 1852, S. 96) und hatte es bereits 100 Jahre später an Bedeutung übertroffen. Jetzt, nach 290 Jahren hat das Städtchen in einer Ödipus-Manier ihren Vater einverleibt. Das IHI Zittau verschaffte dem Hochschulstandort Zittau 1993 das Promotions- und Habilitationsrecht, welches die 1988 gegründete Technische Hochschule Zittau nach zwei Jahren ihrer Existenz, im Zuge der Deutschen Einheit, schon wieder verloren hatte. Die einstige Technische Hochschule Dresden und heutige TU hat damit per Gesetz ihre Schwestern-TH in der Oberlausitz „geschluckt“. Das IHI ist damit vielleicht die am weitesten entfernte Außenstelle einer deutschen Universität (126km), wenn man einmal von den fern- und nahöstlichen Zweigstellen absieht. Trotz aller Übernahmen, Fusionen und Zusammenlegungen liegt das Positive vielleicht in der Summe der Teil, die das Ganze übertreffen. Ernst F. Schumachers Leitsatz „small is beautiful“ (Claim des IHI) ist zumindest im demographisch gewandelten Sachsen passé.

Die Idee, Strukturen bzw. Organisation zusammenzuschließen lässt sich jedoch auf die Beziehungen der Menschen übertragen. Wenn sich Menschen mit gemeinsamer Heimat in einem Netzwerken zusammenschließen und ihre spezifische Kultur pflegen und sich in der Diaspora bzw. im freiwilligen Exil gegenseitig unterstützen, dann kann daraus ein positiver Effekt für den Einzelnen und eine positive Rückkopplung für die Region entstehen. Dem Südtiroler Beispiel der Südsterne folgend, könnte das dann so aussehen:

Oststern*

Oststern ist das Netzwerk der Oberlausitzer im Exil und unterstützt die Kommunikation und Netzwerkbildung unter Oststernen.

 

Die Idee zu Oststern wurde im Sommer 2012 geboren. Immer mehr Oberlausitzer haben nach dem Studienabschluss erste berufliche Erfahrungen außerhalb ihrer Heimat gesammelt. Zwar waren diese Oberlausitzer immer noch durch Familie und Freunde an die Region gebunden, hatten aber kaum die Möglichkeit berufliche und private Interessen mit ähnlich gesinnten Oberlausitzern im Exil zu teilen und den Kontakt zur Heimat zu stärken.

 

Oststern – Das Netzwerk der Oberlausitzer im Exil fördert den branchenübergreifenden Gedanken- und Erfahrungsaustausch berufstätiger Oberlausitzer im Exil. Oststern unterstützt Oststerne im beruflichen und privaten Alltag und fördert deren Erfolg und persönliche Weiterentwicklung.

 

Gegenseitige Hilfestellung, Eigeninitiative, Freude an der Sache, Flexibilität, Schnelligkeit und Spaß sind Grundwerte des Netzwerkes, das auf dem Prinzip von Geben und Nehmen aufbaut.
Oststern bezieht seine Homogenität aus den gemeinsamen Wurzeln der Mitglieder und lebt von deren Verschiedenartigkeit. Oststern versteht sich als Nährboden neuer zukunftsweisender Ideen und Kontakte, als Know-How-Träger und –vermittler.

 

Oststern befürwortet den Gang ins Exil, schafft interessante Anknüpfungs- und Verbindungspunkte für Exil-Oberlausitzer und erleichtert bei Bedarf den Weg zurück durch ein Netzwerk von Förderern und Ansprechpartnern.

Ich halte eine solche Idee in der Oberlausitz für umsetzbar. Technisch wäre dies ein Social Network Plattform. Im Unterschied zu Facebook & Co ist das Netzwerk für Akademiker bestimmt, die von anderen Südsternen eingeladen bzw. empfohlen werden.

KZ-Baracke neben der Heilig-Kreuz-Kirche Görlitz

Heute wurde öffentlich, was Albrecht Goetze und mich schon ein gutes halbes Jahr bewegt: ein vergessener Erinnerungsort.

Der vergessene Erinnerungsort findet sich neben der Synagoge. Es ist ein unscheinbarer, verfallender, südseitig besprayter Schuppen. Nur wenigen Görlitzern ist bekannt, welches Geheimnis der Schuppen in sich trägt und an welchem Ort er bis 1945 stand. Es handelt sich um die ehemalige Krankenbaracke des Lagers, die 1949/50 durch ihre transportable Architektur im Biesnitzer Grund abgebaut und hinter der Pfarrei der Heilig-Kreuz-Kirche zur Nutzung als Jugendhaus wieder aufgebaut wurde. Über 67 Jahre trotze die Baracke dem Verfall und überstand sogar einen Baumschlag während des Orkans „Kyrill“ im Jahre 2007. Die Baufälligkeit ist unübersehbar und bisweilen auch durch einen Schutz als Denkmal im Ensable der Heilig-Kreuz-Kirche kaum aufgehalten.
Nach 67 Jahren Durchhalten scheint dieses Bauwerk wie ein einzigartiges Geschenk an das historische Gedächtnis der Stadt. Die Baracke ist das wahrscheinlich einziger materieller Zeugnis des Lagersystems und vielleicht sogar die einzige erhaltene Baracke dieser Art in ganz Sachsen.

Sanitätsbaracke des KZ-Außenlager Görlitz

 

Die Sanitätsbaracke wurde 1949/50 auf dem Geländer der Heilig-Kreuz-Kirche auf ein neues Fundament gesetzt und unter dem Namen »Don Bosco« als Gemeinde- und Jugendhaus geweiht. Bis in die 1970er Jahre hinein fanden in der Baracke verschiedene Gemeindeveranstaltungen statt, so zum Beispiel Faschingsabende, Jugendblasorchester und Kommunionsunterricht. Als die beiden Kaplane und auch der Küster in den 1970er Jahren abgezogen wurden und ihre beiden Wohnungen in der Pfarrei frei wurden, hielt man die Veranstaltungen fortan nicht mehr in der Baracke, sondern in der Pfarrei ab. Seit dem wird die Baracke als Abstellraum, u.a. für Gartengeräte genutzt.

Der Zeit befindet sich die Baracke in einem sehr baufälligen Zustand. Durch den zerstörten Giebel auf der Seite Synagoge regnet und schneit es herein. Die Decke und Diehlung ist morsch. Überreste einer Feuerstelle zeugen davon, wie jemanden darin Schutz und Obdach suchte.

Blick auf die Baracke mit dem baufälligen Giebel. Im Hintergrund ist das Pfarrhaus zu sehen.
Blick durch den kaputten Giebel auf die Synagoge

Im Ensamble der Heiligkreuzkirche und der Synagoge steht die Baracke heute unter Bestandsschutz, bestätigte mir Frau Junge von der Unteren Denkmalschutzbehörde Görlitz. Somit kann das Gebäude nicht abgerissen werden. Erstaunlicher Weise ist die Existenz der Baracke der Behörde seit einigen Jahren bekannt. Niemand geringeres als Peter Mitsching, der Leiter der Görlitzer Denkmalschutzbehörde, brachte den Stein ins Rollen.
Bei einer Checkübergabe für die weitere Sanierung der Synagoge fragte Michael Kretschmer, MdB, was da für ein unschöner Schuppe zwsichen Synagoge und Kirche stehe. Herr Mitsching antworte, was bislang noch nicht öffentlich bekannt war. Herr Kretschmer trug die Antwort weiter. Der Pfarrer der Heilig-Kreuz-Gemeinde, Norbert Joklitschke, erfuhr erst durch unserem Besuch im Sommer 2012 von der Geschichte des Gebäudes hinter seinem Pfarrhaus. Durch uns erfuhr auch die Sächsische Stiftung für Gedenkstätten von diesem sensationellen Erinnerungsort.

Heute eine Rümpelkammer und morgen eine Gedenkstätte?

 

Vision

Während es bis vor Kurzem noch schien, als wenn eine Erinnerungskultur in Bezug auf das KZ-Außenlager Görlitz am ehesten im WWW seinen Platz fände, gibt es nun Hoffnung auf eine realen Repräsentanz im Herzen der Stadt. Mit der Wiederentdeckung der ehemaligen Krankenbaracke könnte schon bald in Nachbraschaft zur Synagoge nach Wroclawer Vorbild ein Quartier der Toleranz als Zentrum der Dokumentations- und Erinnerungsarbeit entstehen und den Weg für eine Gedenkstätte bahnen. Ob dies gelingen kann hängt nun davon ab, ob der Verfall schnell genug aufgehalten werden kann.

Weitere Links:

  • Die Baracke wurde wahrscheinlich durch Christoph & Unmack Werke in Niesky produziert. Das Unternehmen leistete seit den 1882 Pionierarbeit in der Entwicklung standardisierter, fabrikmäßig gefertigeten Holzhäuser. Zwischen 1939 und 1945 stellte das Unternehmen in seiner Holzbausparte fast ausschließlich Baracken her. Vgl. Rug, W. (2006). Lebensdauer von Holzhäusern am Beispiel von Christoph & Unmack AG, Niesky. Wissenschaftliche Berichte
    Hochschule Zittau/ Görlitz, Heft 90 (III. Umgebindehaus- Kolloquium, 21/22. September
    2006).
  • Ein weiteres Buch:  Baracken als industrielle Bauform der Christoph & Unmack AG Niesky
  • Niels Seidel: Die KZ-Außenlager Görlitz und Rennersdorf (2. Auflage)