Jüdische Gräber in Tormersdorf a.d. Neiße

Wer in Rothenburg bei Görlitz die Neiße übertritt, findet sich zwischen den Grundmauern des seit 1945 verlassenen Tormersdorf wieder. Prędocice – so der polnische Ortsname – ist ein menschenleeres und naturreiches Fleckchen Land, dessen jüngstes Bauwerk an die Kampfhandlungen gegen Ende des zweiten Weltkriegs, und damit an die Zerstörung des Dorfes erinnert. Die alleinige Anbindung ans Straßen- und Stromnetz des (deutschen) Rothenburgs verhinderte den Wiederaufbau dieser Siedlung am westlichen Rand des größten zusammenhängenden Waldgebietes Mitteleuropas. Doch dort, wo sich nun Wolf und Hase gute Nacht sagen, verbirgt sich ein Stück Erinnerungskultur der Zeit des Nationalsozialismus.

grab

Das Ghetto in Tormersdorf
Mitte Juli 1941 zogen die ersten 130 Juden in die Gebäude der evangelischen Brüderschaft Zoar / Martinshof. Man sie aus dem eben aufgelösten jüdischen Beathe-Guttmann-Heim in Breslau (Wroclaw) mit der Eisenbahn nach Rothenburg deportiert. Es handelte sich bei ihnen um reicheere, alte Jüdinnen und Juden. Dem Transport folgten weitere aus Glogau (Głogów), Lauban, Görlitz und Galizien, so dass sich die Zahl der Juden in dem als „Musterghetto“ [1,3] bezeichneten Arbeitslager „im Stern“ von Tomersdorf auf insgesamt 700 bis 750 Juden belief.
Die Bewohner des Ghettos hatten kriegswichtige Arbeiten, etwa im Straßenbau oder der Befestigung des Neiße-Flussbetts, zu verrichten [2]. Roland Otto erwähnt ferner die Zwangsarbeit in der Christopher Unmack AG in Niesky (Waggonbau) und im Sägewerk Müller & Söhne in Rothenburg (Bauelemente GmbH) sowie in anderen Industrie- und Landwirtschaftsbetrieben [2].
Obwohl es laut Zeugenaussagen in Rothenburg zu keinen Hinrichtungen kam [2], starben 26 Juden während dieser Zeit [6]. Sicherlich trugen die körperlichen und seelischen Qualen, welche nicht zu letzt aus den schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen herrührten, zum Tod der Menschen bei, wenngleich bemerkt werden muss, dass der überwiegende Teil der Verstorbenen älter als 70 Jahre gewesen ist [4].
Unter den Toten befand sich der Briefmarkenhändler Kurt Skala, der Maler und Illustrator Paul Böhm sowie der Görlitzer Arzt Dr. med. Erich Oppenheimer, der sich zusammen mit seiner Frau Charlotte Amalia, geborene Cohn, am 24. April 1942 am Neißewehr das Leben nahm.
Der Rothenburger Tischlermeister Otto Henke fertigte wunschgemäß die schlichten Holzsärge, welche nur inwendig weiß gestrichen wurden. Später wurde die Bestattung in Särgen verboten [6]. Mit zwei Ausnahmen (Georg Hirschberg durfte neben seiner Frau auf dem Jüdischen Friedhof in Breslau beerdigt werden [5]; Paul Böhm [6]) erfolgte die Beisetzung der 25 Toten entweder auf dem Friedhof der Diakonie im rechts der Neiße gelegenen Tormersdorf [6] (siehe Karte) oder auf dem Grundstück eines gewissen Heinz von Martin [5]. Die Errichtung von Grabsteinen oder dergleichen gestattete die Gestapo jedenfalls nicht [5].
Im Herbst 1942 löste die Gestapo das Ghetto auf und deportierte die arbeitsfähigen Juden nach Auschwitz und Theresienstadt, während die Übrigen ins KZ Majdanek bei Lublin gebracht wurden. Bei der von [5] erwähnten Emigration von Bella Carlebach-Rosenak in die USA handelt es sich wahrscheinlich um eine Verwechslung.

Überreste des Friedhofs
Hinter dem Denkmal, was an den zweiten Weltkrieg und die Gefechte in der Region erinnert, finden sich linker Hand des sandigen Weges ein paar dutzend Grabsteine und Eisenkreuze. Die Grenzen dieses Friedhofes sind, aufgrund des teils dichten Birken- und Kiefernbewuchses, nicht mehr erkennbar. Fern des Weges, in Richtung Neiße, liegen Grabeinfassungen und Grabsteine mit deutscher Inschrift. Auffällig sind vor allem die rostigen Eisenkreuze, von denen sich nur noch wenige an ihrem ursprünglichen Platz – den Grabstellen der Diakone – befinden. Einige Gräber scheinen geplündert, doch Hinweise auf jüdische Gräber sucht man auf diesem Friedhof indes vergebens. Die Holzschnitzereien an Bäumen sind, angesichts des geschätzten Alters der Bäume, jüngeren Datums. Der heutige Zustand des Friedhofs ist alles andere als akzeptabel, doch so lang es keine Brücke von Rothenburg nach Tormersdorf gibt, wird sich wohl kaum jemand in diese abgelegene Gegend verirren und daran stören. Schade, dass es so ist.

Lage des Friedhofs in Tormersdorf

Quellen
[1] Pastor Curt Zitzmann: Chronik Zoar – Martinshof (1898 – 1951)
[2] Roland Otto: Die Verfolgung der Juden in Görlitz unter der faschistischen Diktatur 1933 -1945, S. 61ff. Stadtverwaltung Görlitz, 1990.
[3] Martinshof: Wir haben 100 Jahre Geschichte.
[4] Bernhard Brilling: Evakuierung der Breslauer Juden nach Tormersdorf bei Görlitz, Kreis Rothenburg, Oberlausitz, in: Mitteilungen des Verbandes ehemaliger Breslauer und Schlesier Juden in Israel, 46/47, 1980. (Den Orginaltext konnte ich bislang noch nicht beschaffen)
[5] Abraham Ascher: A community under siege – the Jews of Breslau under Nazism, 2007.
[6] Reinhard Leue: Preisgegebene Menschen – Zwangslager und Judenghetto Zoar / Martinshof in Rothenburg 1941 / 1942. Martinshof Rothenburg, Diakoniewerk, 2004.

Viel englisch- und polnischsprachige Literatur, sowohl von Historikern, als auch von Überlebenden gäbe es noch zu ergänzen:
– Wolf Gruner, Kathleen Mitchell Dell’Orto: Jewish forced labor under the Nazis, United States Holocaust Memorial Museum.

2 Gedanken zu „Jüdische Gräber in Tormersdorf a.d. Neiße

  1. interessanter Ort, nur sehr schwer zu erreichen, war persönlich in Sobolice , bei nächsten Besuch von Sobolice werde ich diesen geschichtsträchtigen Ort Tormersdorf besuchen, ich persönlich wohne in Thüringen und bin durch die Historie meiner Familie nach Sobolice gekommen, danke für den sehr guten Artikel hier im Netz

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