8.10.2007

Viele Straßen führen nach Rom, doch keine nach Iquitos

Stimmt nicht, müßte ich der Rich­tig­keit hal­ber sa­gen, denn es gibt eine Straße von Nauta nach Iqui­tos, doch Nauta ist sei­ner­seits iso­liert. Die Orte sind also nur auf dem Luft-​​ oder Was­ser­weg er­reich­bar. Der letz­tere führte mich also dort­hin. Durch's Couch­sur­fing ge­langte ich an An­to­nio, der seit we­ni­gen Mo­na­ten die Pro­duk­tio­nen im neuen Fern­seh­sen­der Cha­nal 49 lei­tet. Für seine zwei klei­nen Kin­der und seine Frau bleibt ihm des­halb nicht viel Zeit. In ei­nem klei­nem Häus­chen im Stadt­teil San Juan hat er sie un­ter­ge­bracht und mit zwei (nicht ge­rade flie­ßi­gen) Haus­häl­te­rin ver­sorgt. Er gibt mir, ganz groß­zü­gig, ein ei­ge­nes Zim­mer und lädt mich zum Abend­es­sen an sei­nen Tisch. Wir plau­dern über deut­sche Frem­den­feind­lich­keit und pe­rua­ni­schen Ras­sis­mus. Viele Alt­na­zis hät­ten sich hier in ei­nem der ent­le­ge­nen Ur­wald­dör­fer eine Exis­tenz auf­ge­baut. So­gar Adolf Hit­ler, so der Volks­mund, wäre hier als Füh­rer ei­nes gänz­lich unari­schen Stam­mes alt ge­wor­den. Auch ein ehe­ma­li­ger Bank­di­rek­tor in Iqui­tos hätte sich im Krieg den Deut­schen ver­dient ge­macht. Nach so viel Spe­ku­la­tion ka­men wir glück­li­cher­weise auf die vor uns ste­hende Chaufa de Pollo (Hün­chen mit ge­bra­te­nem Reis) zu­rück. An­to­nio liebt Filme, doch keine per­una­ni­schen. Die seien schlecht. Drum schau­ten wir uns nach dem Es­sen auch ei­nen us-​​amerikaischen Strei­fen an. Auch sein Pro­gramm bei Cha­nal 49 führte er mir vor - lei­der war der Emp­fang mit der An­tenne leicht vergrieselt.

Mo­tos und alte Busse ohne Fens­ter, weils ja so warm ist.

Eine Schild­kröte ohne Panzer.

Vor­mit­tags wollte ich mich mit Na­dine tref­fen und die In­ter­net­seite ei­ner mit ihr be­freun­de­ten Heil­prak­ti­ke­rin fi­xen. Mit fal­schen Zu­gangs­da­ten schei­terte diese Un­ter­neh­mung be­vor sie be­gin­nen konnte. Na­dine lebte schon eine ganze Weile in der Stadt der Mo­to­ta­xis und wollte mich auf den Markt von Be­len be­glei­ten. Ir­gend­wann ka­men wir auf's Spanisch-​​Lernen zu spre­chen und stell­ten mit Ver­wun­de­rung fest, dass wir die selbe Schule in Cusco be­sucht und uns um ge­nau ei­nen Tag ver­passt hat­ten. Nun wurde mir klar, dass ich Na­dine be­reits aus den Er­zäh­lun­gen mei­ner Mit­schü­ler kannte. So klein ist Peru.

 

Me­di­zi­nal­pflan­zen, Pul­ver­chen und an­dere Ex­trakte aus dem Urwald.

 

Der Markt von Be­len ist groß und schmut­zig. Be­len ist ei­gent­lich ein Dorf aus Pfahl­bau­ten. Die Holz­häu­ser mit Dä­chern aus Pal­men­we­deln sind wäh­rend der Re­gen­zeit bzw. des Hoch­was­sers nur per Boot er­reich­bar. Be­len ent­stand als eine Sied­lung von In­dia­nern, die sich am Rande der rei­chen Kau­tschuk­stadt nie­der­lies­sen, doch nie­mals ein Teil von ihr wurden.

Auf mich wirkte es ab­scheu­lich und bit­ter­arm. In den ver­gan­ge­nen fünf Mo­na­ten hatte ich nichts ver­gleich­ba­res ge­se­hen. Un­ter den tie­fen und schat­ten­spen­den­den Dä­chern der Stände konnte man prak­tisch nach­voll­zie­hen, wie aus ei­nem Ei im Laufe der Zeit ein Brat­hähn­chen wer­den kann. Pa­let­ten von Hüh­ner­ei­ern, da­ne­ben eine Kü­cken­auf­zucht und über­all mal ein Huhn, was im Müll her­um­pickt. Man be­ob­ach­tet Frauen, die Hüh­ner rup­fen, aus­neh­men und zerteilen.

Die Ab­fälle lan­den auf der Strasse, so dass sich Hunde und Geier nur so dar­auf stür­zen. Die Stände, an de­nen Frauen ver­schie­denste Ge­richte ko­chen, bra­ten oder gril­len sind so zahl­reich, dass sie es trotz­dem nicht schaf­fen, den Ge­ruch von Fisch und Tro­cke­fleisch zu über­tün­chen. Mit­ten­drin, statt nur da­bei, sieht man ver­wahr­loste Kin­der, die bar­fuss durch den Bio­müll lau­fen, und Ba­bys, die sich schier un­schein­bar, in ein Tuch ge­hüllt, an den Kör­per ih­rer Mut­ter schmie­gen. Gern wer­den sie vor­ge­zeigt - mehr aus Kal­kül, den ein oder an­de­ren Sol vom Tou­ris­ten zu er­hal­ten, als aus Freude und Glück­se­lig­keit über den ei­ge­nen Nach­wuchs. Wenn auch nicht so nach­drück­lich, wie am Ti­tik­aka­see, so ver­ste­hen es die Kin­der von Be­len auch, ihre Arm­se­lig­keit wie ein Anti-​​Modell zur Schau zu stellen.

Die Zeit in Peru hat mich dies­be­züg­lich ge­lehrt, eine auf­merk­same und prag­ma­ti­sche Igno­ranz an den Tag zu le­gen, die oh­ne­hin der ge­leb­ten Dop­pel­mo­ral ei­nes nicht un­ge­bil­de­ten West­eu­ro­pä­ers ent­spre­chen müsste. Mit­leid ist das eine, das Fest­hal­ten am ei­ge­nen Le­bens­wan­del das an­dere. Ich will da­mit nicht sa­gen, dass ich kei­ner­lei per­sön­li­che Kon­se­quen­zen aus sol­cher­lei Er­fah­run­gen ziehe, doch schlu­ßend­lich dis­ku­tiert man lie­ber bei ei­nem Bier mit Freun­den über sol­cher­lei Dinge, an­statt der Wahr­heit ins Ge­sicht zu sehen.

An­ge­sichts der Hitze ver­brach­ten wir den Rest des Nach­mit­ta­ges also mit ei­nem küh­len Bier an der Ufer­pro­me­nade. Im­mer wie­der mal tauch­ten ein paar Stra­ßen­kin­der mit der mehr oder we­ni­ger freund­li­chen Bitte nach Geld auf. Ihr krea­ti­ver Ge­schäfts­sinn ist be­ein­dru­ckend und be­mit­lei­dens­wert zu gleich. Sitz­bänke der Mo­tor­rä­der be­de­cken sie als Schutz vor Sonne und Re­gen mit Pappe. Au­tos wer­den ohne Auf­for­dung und Sich­tung des Be­sit­zers po­liert. Bon­bons aus Tü­ten wer­den ein­zeln ver­kauft und so weiter ...

In Iqui­tos sind mir auf­fäl­lig viele prol­lige In­di­vi­du­al­rei­sende, um nicht zu sa­gen Sex­tou­ris­ten, auf­ge­fal­len. Das die Stadt, wie jede an­dere in Peru, ein er­heb­li­ches Pro­blem mit Kin­der­pro­sti­tu­tion zu ha­ben scheint, wird er­freu­li­cher­weise öf­fent­lich an­ge­pran­gert und bekämpft.

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