2.09.2015

Holocaust als ein Vehikel für Menschenrechte

Bei öf­fent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen, die sich der Er­in­ne­rung und Auf­ar­bei­tung der NS-​​Verbechen wid­men, muss ich im­mer wie­der fest­stel­len, wie we­nige junge Leute (< 30 Jahre) sich für das Thema in­ter­es­sie­ren. Dies ist zu­nächst eine Fest­stel­lung, ohne jede Wer­tung und ohne ei­nen Ver­gleich.
Wenn ich mich für ei­nen Wis­sens­be­reich in­ter­es­siere, dann nehme ich daran An­teil und ver­folge die Ge­scheh­nisse auf­merk­sam.
So ein In­ter­esse ist im­mer auch mit der Ab­sicht des Ler­nens ver­bun­den, denn schließ­lich möchte man et­was neues er­fah­ren, ver­ste­hen oder ausüben.

Über­legt man nun, wa­rum sich je­mand mit der Ver­nich­tung der eu­ro­päi­schen Ju­den, den NS Ver­bre­chen im All­ge­mei­nen so­wie dem Thema An­ti­se­mi­tis­mus oder Frem­den­feind­lich­keit aus­ein­an­der­set­zen sollte, dann fin­det man recht schnell zu ei­nem ge­mein­sa­men Nen­ner. Es geht im Grunde um die ba­sa­len Men­schen­rechte: Das Recht auf kör­per­li­che Un­ver­sehrt­heit, das Recht auf Frei­heit von Un­ter­drü­ckung, das Recht auf freie Wahl des Aufenthalts-​​, Wohn-​​ und Ar­beits­or­tes, das Recht auf Ar­beit, das recht auf Mit­be­stim­mung usw.

Die Men­schen­rechte stel­len das hier ein über­ge­ord­nete und für viele viel­leicht et­was ver­deck­tes Ziel die­ses Lern­pro­zes­ses dar. Doch was ver­steht man hier un­ter ei­nem Ziel? Wor­auf zielt die Be­schäf­ti­gung mit ei­nem Thema ab? Möchte ich mir schlicht Fak­ten an­eig­nen, um sie mehr oder we­ni­ger prä­zise wie­der­ge­ben zu kön­nen? Also viel­leicht mein All­ge­mein­wis­sen er­wei­tern? Oder gehe ich noch ei­nen Schritt wei­ter und ver­su­che die Zu­sam­men­hänge der Fak­ten zu ver­ste­hen, Kau­sa­li­tä­ten und Kor­re­la­tio­nen zu fin­den? Wenn ich das Ge­lernte an­wen­den möchte, um bei­spiels­weise je­man­den das Thema zu er­klä­ren, dann muss ich das Wis­sen an­wen­den kön­nen. For­men der An­wen­dung kön­nen viel­fäl­tig sein. Bei­spiels­weise kann ich ver­su­chen ein Kon­zept in die Pra­xis zu über­füh­ren, ich kann eine Theo­rie in ei­nem Ex­pe­ri­ment er­pro­ben oder ich kann ver­su­chen mein Wis­sen an­de­ren zu ver­mit­teln. Diese drei Stu­fen (es gibt noch mehr) hel­fen, Lern­ziele zu ordnen.

Doch kom­men wir nun zu­rück zu den Men­schen­rech­ten.
Ich wage die These, dass sich mehr Men­schen für die Wah­rung der Men­schen­rechte in­ter­es­sie­ren, als für die Ge­scheh­nisse des Drit­ten Reich und Zwei­ten Welt­krieg. Das er­scheint auf den ers­ten Blick plau­si­bel, ist aber er­klä­rungs­be­dürf­tig. Ein Grund da­für sind
- die von Am­nesty In­ter­na­tio­nal re­gel­mä­ßig kon­sta­tier­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen welt­weit
- die Ver­feh­lung der Mil­le­ni­ums­ent­wick­luns­gziele, d.h. die Be­sei­ti­gung von Ar­mut und Hun­ger so­wie die Ge­währ­leis­tung von Grundschulbildung.

Alle ge­nann­ten Gründe adres­sie­ren ak­tu­elle Pro­bleme und zu­meist keine lo­ka­len Pro­bleme - zu­min­dest nicht für uns. Dies un­ter­schei­det sie vom Ho­lo­caust, der zwar je­der Orts (in Eu­ropa) Aus­wir­kun­gen zeigte (De­por­ta­tion der deut­schen Ju­den, KZ-​​Zwangsarbeit, To­des­mär­sche), je­doch zeit­lich schon mehr als 70 Jah­ren zu­rück­liegt. Be­trach­tet man den per­sön­li­che Be­zie­hun­gen zu den Betroffenen/​den Op­fer und die in­di­vi­du­elle Mit­schuld am Ge­sche­he­nen, las­sen sich ebenso dia­me­trale Un­ter­schiede fest­stel­len: Be­zie­hun­gen zu Zeit­zeu­gen und Ho­lo­caust­über­le­bende wer­den mehr und mehr zur Aus­nahme, da nur noch we­nige ehe­ma­lige Zeit­zeu­gen le­ben. Per­sön­li­che Be­zie­hun­gen zu Men­schen in nicht-​​entwickelten Län­dern bzw. den ärms­ten Men­schen der Welt, die z.B. we­ni­ger als 1 oder 2 Dol­lar pro Tag ver­die­nen (Ar­muts­de­fi­ni­tion der Welt­bank), sind we­ni­ger sel­ten. Durch Rei­sen, welt­weite Kom­mu­ni­ka­tion und nicht zu­letzt durch die ge­gen­wär­ti­gen Flücht­lings­ströme sind uns diese Men­schen nicht mehr so fremd wie vor 25 Jah­ren, als wir das In­ter­net, Bil­lig­flie­ger und Fron­tex noch nicht kann­ten. Eine per­sön­li­che Schuld am Ho­lo­caust ist für die nach 1931 ge­bo­re­nen schwer zu be­grün­den. Un­sere per­sön­li­che Schuld bzw. Mit­schuld für die Le­bens­si­tua­tion ei­nes Groß­teils der Welt­be­völ­ke­rung steht je­doch au­ßer Frage, denn wir ha­ben ab­ge­se­hen von un­se­rem Le­bens­wan­del (z.B. Roh­stoff­ver­brauch, Um­welt­ver­schmut­zung), auch Ein­fluss auf die Po­li­tik (Han­dels­ab­kom­men, Zölle, etc.) und so­mit auch auf die Wirt­schaft (Ar­beits­be­din­gun­gen, Um­welt­ver­schmut­zung, etc.). In ei­ner De­mo­kra­tie kann man das nicht leugnen.

Hal­ten wir also als The­sen fest, dass eine zeit­li­che Nähe, per­sön­li­che Sicht­bar­keit und Mit­schuld an der Ver­ur­sa­chung von Pro­ble­men das In­ter­esse an ei­nem Thema stei­gern kön­nen. Für The­men wie den Ho­lo­caust oder die NS-​​Zeit sind diese Be­din­gun­gen nicht mehr er­füllt. Die in­di­vi­du­ell emp­fun­dene Re­le­vanz des The­mas ist nur noch schwer ver­mit­tel­bar. Eine Stu­die der Ber­t­hels­mann Stif­tung vom Ja­nuar 2014 be­sagt, dass 58% der 1000 be­frag­ten Deut­schen ei­nen Schluss­strich un­ter den Ho­lo­caust be­für­wor­ten. Statt des­sen lässt sich die Re­le­vanz des all­ge­mei­ne­ren Lern­ziels bzgl. der uni­ver­sel­len Men­schen­rechte viel bes­ser be­grün­den und nach­voll­zie­hen. Im Um­kehr­schluss be­deu­tet dies je­doch nicht, die Ge­schichte der Ju­den­ver­fol­gung im NS-​​Staat ad acta zu le­gen. Viel­mehr soll­ten wir uns darin üben, Ge­mein­sam­kei­ten in den Ur­sa­chen, Ent­wick­lun­gen und Aus­wir­kun­gen zu iden­ti­fi­zie­ren. An­statt ei­nes Ver­gleichs zwi­schen dem sin­gu­lä­ren Völ­ker­mord und den welt­wei­ten Men­schen­rechts­ver­let­zun­gen kön­nen wir trotz ver­än­der­ten Rah­men­be­din­gun­gen ge­wis­sen Mus­ter er­ken­nen. Die Ge­schichte wie­der­holt sich, nur der Kon­text än­dert sich. Ge­lin­gen kann dies mit Hilfe der von Ha­rald Wel­zer aus­ge­wie­se­nen Er­kennt­nis, wozu Men­schen im Stande sind - im Gu­ten wie im Schlech­ten. Wir kön­nen große Leis­tun­gen voll­brin­gen (z.B. Er­fin­dun­gen, Bau­werke, Or­ga­ni­sa­tio­nen) und Liebe ge­gen­über un­se­ren Nächs­ten zei­gen, doch wir Men­schen sind ebenso im Stande de­struk­tiv zu wir­ken (z.B. durch Kriege) und wür­di­ges Men­schen­le­ben in un­ge­heu­rem Aus­maß zu er­schwe­ren - bis hin zur Aus­lö­schung von Völ­kern. Diese Fä­hig­kei­ten des Men­schen las­sen sich in fast al­len Epo­chen der Mensch­heits­ge­schichte be­le­gen und mit­ein­an­der in Be­zie­hung set­zen, ganz gleich wel­che tech­no­lo­gi­schen, wirt­schaft­li­chen oder ge­sell­schaft­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen wir im Ein­zel­nen vor­fin­den. Der Ho­lo­caust ist da­bei ein be­son­de­res Ve­hi­kel, was uns hel­fen kann Men­schen­rechts­pro­bleme zu er­ken­nen, sie an­zu­spre­chen und ihre Wah­rung welt­weit durch­zu­set­zen. Päd­ago­gen und Mul­ti­pli­ka­to­ren sind in die­sem Zu­sam­men­hang ge­for­dert, ihre lo­kal be­schränk­ten Be­trach­tungs­wei­sen zu über­win­den und da­für den kri­ti­schen Blick für glo­bale Her­aus­for­de­run­gen im Raum­schiff Erde zu schärfen.

Posted by nise | Filed in Shoa | Kommentieren »Share this on del.icio.us Digg this! Share this on Facebook Share this on Technorati Tweet This!

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