Die vergessliche Stadt und die Bewußtseinserlangung

Frank Seibel verfasste einen gelungenen Artikel mit der Überschrift „Die vergessliche Stadt“ in der heutigen Ausgabe der Sächsischen Zeitung. Er nimmt Anstoß an der laufenden Diskussion um die Baracke zwischen Kirche und Synagoge und regt dabei die Entwicklung einer Erinnerungskultur in Bezug auf die beiden überwundenen Diktaturen an.

In Bezug auf die NS-Zeit können nur noch die Wenigsten auf eigene Erinnerungen aufbauen. Erinnerung ist dabei weder positiv noch negativ, sondern ebenso menschlich wie das Vergessen. Wer nichts vergisst, kann sich nichts neues aneignen. So funktioniert unser Gehirn nach heutigem Stand der Forschung, wobei uns Computer in ihrer Fähigkeit Informationen präzise zu behalten weit überlegen sind.

Für alle Nachgeborenen geht es überdies nicht um Erinnerung oder Vergessen. Sie können sich gar nicht an die NS-Zeit (oder DDR) erinnern und für eine Auffrischung des in der Schule gelernten Geschichtswissen wäre „erinnern“ der falsche Ausdruck. Vielmehr geht es heute darum, Bewusstsein und Scham zu vermitteln. Ein Bewusstsein dafür, dass unsere zivilisatorische Entwicklung nicht unumkehrbar ist. Dass einer Verkettung von vielen kleinen Brüchen mit zivilgesellschaftlichen Prinzipien in Katastrophen wie der NS-Zeit oder der SED-Diktatur münden können. Das der Mensch wahrscheinlich immer dazu im Stande sein wird, mit der Zivilisation zu brechen, ist beschämend. Es ist die Scham über das Menschenmögliche (vgl. Dana Gieseke & Harald Welzer) im negativen Sinne. Es ist die Scham darüber, zu was man selbst im Stande wäre.

Sich heute mit den überwundenen Diktaturen auseinanderzusetzen, schließt deshalb den Blick in die Zukunft mit ein. Wir können uns heute schon die Frage stellen, welche Handlungen uns zukünftige Generationen einmal vorwerfen werden.

Wie Herr Seibel betont, bedarf es auch eines Bewusstseins für die gesellschaftlichen Leistungen der Menschen und der Betonung des Menschenmöglichen im positiven Sinne. Bewusstsein für all jenes und all jene, die die Stadt Görlitz zu dem gemacht haben, was sie heute ist: eine der schönsten Städte des Landes, u.v.a.m.
Diese positive Entwicklungen haben natürlich nicht erst 1989 eingesetzt, sondern spätestens mit der Gründung der Stadt.

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