Nachtrag zum Gesprächsforum zum Umgang mit der Baracke auf dem Gelände der Heilig-Kreuz-Kirche

Am gestrigen Abend fanden sich gut 100 Görlitzer im Schlesischen Museum zusammen, um über den Umgang mit der kürzlich öffentlich gewordenen Baracke des KZ-Außenlager Görlitz zu diskutieren. Die Zeit zur Diskussion ergab sich nach insgesamt sieben Redebeiträgen.

  1. Niels Seidel, Buchautor
  2. Norbert Joklitschke, Pfarrer Heilig Kreuz Gemeinde
  3. Michael Wieler, Bürgermeister
  4. Dr. Bert Pampel, Stiftung Sächsischer Gedenkstätten
  5. Kathrin Krahl, Heinrich Böll Stiftung
  6. Evelyn Mühle, Städtische Friedhofsverwaltung Görlitz
  7. Alex Jakobowitz, Vorstandsmitglied des Förderkreises Görlitzer Synagoge

Der Tenor der Veranstaltung war durch die Zweifel an der Authentizität der Baracke gekennzeichnet. Aktuell gibt es nur zwei mündliche Aussagen von Personen, die am Aufbau der Baracke hinter der Pfarrei Hl.-Kreuz dabei gewesen sind. Schriftliche Dokumente liegen noch nicht vor. Pfarrer Joklitschke gab Bürgermeister Wieler die Hausaufgabe in den städtischen Verwaltungsarchiven nach Bauakten, Transportaufträgen und dergleichen zu recherchieren. Das dies in den letzten fünf Jahren nach Bekanntwerden innerhalb der Unteren Denkmalschutzbehörde noch nicht geschehen ist mag verwundern.

Meine ureigenen Erwartungen an die Veranstaltung konnten nur teilweise erfüllt werden. So kam es nicht zu einer grundlegenden Frage, ob wir eine Gedenkstätte benötigen, wem wir als Zielgruppe ansehen und welche Bedeutung Begriffe wie Erinnerung, Gedenken, Bewußtsein und Scham in diesem Zusammenhang und in der heutigen Zeit besitzen (vgl. Reemtsma: „Wozu Gedenkstätten“; vgl. auch Giesecke & Welzer: „Das Menschenmögliche“). Statt dessen empörten sich viele über die Stadt Görlitz und wollten das ein oder andere Hühnchen rupfen (Markierung Wegstrecke WUMAG – Biesnitzer Grund; Nutzungskonzept für die Synagoge;)

Mir stellen sich __nach__ dem gestrigen Abend folgende Fragen:

  • Wenn eine Sanierung wie in Ehrenhain Zeithain reichlich 75.000€ kostet und der laufende Betrieb 5000€/Jahr verschlingt, wie sieht dann eine Kosten-Nutzen-Rechnung aus?
  • Welche Altersgruppen haben in Görlitz überhaupt Interesse an der Thematik? Welche anderen, internationalen Zielgruppen gilt es zu berücksichtigen?
  • Wie kann man existierende Initiativen, wie die Aufstellung der Stehlen auf dem Jüdischen Friedhof oder den Mee­ting Point Mu­sic Messiaen in einem möglichen Konzept verknüpfen?
  • Sollte man das Thema der Zwangsarbeit in Görlitz als konzeptionelle Klammer ansehen oder besser die Geschichte der Görlitzer Juden. Erstere Verbindung ist durch die WUMAG, die Jüdischen Arbeitskommandos im Stalag VIII A sowie wechselseitige Nutzung des Barackenlagers im Biesnitzer Grund gegeben. Letztere Verbindung entsteht demnächst auf dem Jüdischen Friedhof und erwächst aus der Nachbarschaft von Synagoge und Baracke.
  • Kann und sollte man das Thema überhaupt an einem zentralen Ort didaktisch aufbereiten oder eignen sich dezentrale Ansätze wie das in Dresden realisierte Audioskript nicht besser?
  • Angesichts der inzwischen weltweit vorangegangenen literarischen, autobiographischen und wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschehnisse im Görlitzer Außenlager könnte man die Baracke auch als einen virtuellen Lern- und Erinnerungsort wieder aufbauen. (vgl. Henryk Vogler, Shlomo Graber, Simon Schweitzer, Anna Hyndrakova, The Action Against Sol Schumann, …)
  • Wie kann es gelingen die Geschichte des Nationalsozialismus nicht nur vom Ende her, d.h. von der Gräuel des Holocaust, sondern anhand der Abfolge vieler Zivilisationsbrüche zu vermitteln, um damit an heutige zivilisatorsiche Probleme (Menschenrechte/Arbeitsbedingungen, Ungleichverteilung der weltweiten Einkommen, Umweltverschmutzung) anzuknüpfen?
  • Wer koordiniert das weitere Vorgehen, die katholische Kirche / das Ordinariat / die Pfarrei, die Stadt Görlitz oder der etwas weiter außen stehende, aber deshalb nicht minder engagierte Förderverein der Görlitzer Synagoge?

 

 

 

3 thoughts on “Nachtrag zum Gesprächsforum zum Umgang mit der Baracke auf dem Gelände der Heilig-Kreuz-Kirche

  1. Sehr geehrter Herr Seidel,

    vielen Dank für Ihre Präsentation am Dienstagabend, bei der bestimmt nicht nur ich sehr viel gelernt habe. Ihre kritischen Anmerkungen zur Diskussion sind sehr wertvoll, auch wenn man gerade den Auftakt zur Debatte wahrscheinlich noch nicht mit zu vielen Fragen überladen sollte. Wichtig ist: Dranzubleiben. Übrigens heißt unsere Initiative “Meeting Point Music Messiaen”.

    Es würde mich freuen, wenn Sie mit den Görlitzern weiter an diesem Thema arbeiten möchten!

    Meiner Meinung nach ist die “dezentrale” Arbeit, die verschiedene Erinnerungs- und Lernorte in der Stadt möglichst vielen Menschen auf der Grundlage von gesicherten Informationen erschließt, besonders gefragt. Der Förderkreis Görlitzer Synagoge und der Meetingpoint sind sicher geeignete Partner. Die Diskussion über die Baracke sollte meiner Meinung nach die Eigentümerin, die Pfarrgemeinde hl. Kreuz, möglichst öffentlich und verbindlich weiterführen helfen. Auch die Stadtverwaltung muss sich an der erfreulichen Aussage von Dr. Wieler, die Diskussion und mögliche sinnvolle Initiativen zu unterstützen, messen lassen.

    Beste Grüße
    Maximilian Eiden

  2. Hallo Herr Ahrens,
    die Adresse hatte ich korrekt angegeben, wobei eine prägnante Kurz-URL sicher besser zu behalten gewesen wäre.

    –ns

  3. Hallo Herr Seidel,

    Ich war gestern bei der genannten Veranstaltung. Sie hatten in ihrer Präsentation als Webadresse für ihre Publikation, so meine ich zumindest, http://www.nise71.com/archives/1046 angegeben. Vielleicht überprüfen sie nochmal die Richtigkeit, es wäre schade wenn aufgrund der Verwechslung 71/81 weniger Menschen ihre interessante Veröffentlichung lesen würden.

    Vielen Dank auch für ihre engagierte Arbeit in diesem Themenkreis.

    Liebe Grüße

    Thorsten Ahrens

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