[Rezension] Theodor Seidel: Kriegsverbrechen in Sachsen

Theodor Seidel’s Werk mit dem Titel „Kriegsverbrechen in Sachsen – Die vergessenen Toten von April/Mai 1945“ zielt auf die Dokumentation und Auswertung von Kriegsverbrechen im Sinne des Statuts des internationalen Militärgerichtshofes in Nürnberg, im Detail auf §6: „Ermordung, Misshandlung der im besetzten Gebiete befindlichen Zivilbevölkerung .. und die Ermordung von Kriegsgefangenen“.

Seidel stellt präzise Zusammenhänge zwischen Massakern und Vergeltungsaktionen der jeweilig betroffenen Seite dar. Beispielsweise folgte dem Massaker an deutschen Soldaten in Niederkaina am 22.04.1945 eines an verwundeten sowjetischen Soldaten in Bautzen am 23.04.1945. Deutsche Kriegsverbrechen gegenüber sowjetischen und polnischen Soldaten und Kriegsgefangenen forderten laut Seidel mindestens 450 Tote. Seidel leistet einen wichtigen wissenschaftlichen Beitrag, in dem er systematisch Kinder, Frauen und Senioren unter den Opfern identifiziert.
Jenseits dieser schockierenden Zeugnisse kann jedoch nicht immer anhand der Belege in Begräbnisbüchern und den Aufzeichnungen von Zeitzeugen auf die Umstände der Tötung – etwa von Volkssturmangehörigen – geschlossen werden. Eine Differenzierung zwischen gefallenen Volkssturmangehörigen und solchen, die nach Gefangennahme ermordet wurden, geht nicht immer aus den angegebenen Quellen hervor.
Kritisch zu bewerten sind die Belege für 240 Tötung im Kampfgebiet 1 anhand singulärer Zeugenaussagen, welche größtenteils Jahrzehnte nach dem Geschehen eingeholt wurden.
Die 15 Selbstmorde zwischen dem 18. und 23. April 1945 in Purschwitz können vom Autor nicht glaubhaft den sowjetischen Streitkräften zugeschrieben werden (S. 73ff). Fraglich ist mehrfach (Kotitz, S. 76; Milkel, S. 77), in wie fern bei der Eroberung von Ortschaften die Ermordung von Angehörigen des Volkssturms als Kriegsverbrechen gewertet werden kann. Allein das Alter der Opfer genügt für den Beweis nicht.

Auch sein Versuch die getöteten KZ-Häftlinge im Zeitraum vom 10. April bis 1. Mai zu beziffern wirkt leider oberflächlich, da er weder auf die existierenden KZ-Außenlager, noch auf die zahlreichen, bisweilen noch ungeklärten Todesmärsche eingeht. Gleiches gilt für Zwangsarbeiterlager und Gefängnisse der Gestapo, die nicht einmal erwähnt werden.

Geographische Eingrenzung des untersuchten Gebietes
Der Titel des Buches ist etwas missverständlich gewählt, da sich das Territorium des heutigen Sachsens von dem 1945 unterscheidet. Auf S. 30 heißt es, die Untersuchungen erstrecken sich auf das gesamte sächsische Gebiet, welches bis zum 10. Mai 1945 Kampfhandlungen mit sowjetischen und polnischen Truppen betroffen war. Dabei lässt der Autor offen, warum er Gebiete, in denen es zu keinen Kampfhandlungen kam, ausschließt. Die Rote Armee war spätestens ab dem 8. Mai in ganz Sachsen präsent und, abgesehen von einzelnen Gefechten mit versprengten „Wehrwolf-Verbänden“, in keine Kampfhandlungen mehr involviert. Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung gab es jedenfalls unabhängig von Kampfhandlungen zwischen den verfeindeten Truppen.
Ein weitere harscher Kritikpunkt bezüglich der territorialen Eingrenzung betrifft die nicht untersuchten Gebiete Dresden, Chemnitz, Leipzig und auch die südliche Oberlausitz. Letzteres Gebiet befindet sich theoretisch südlich vom Kampfgebiet I, also südlich der Linie Rothenburg, Ullersdorf, Melaune, Nostitz, Hochkirch, Bautzen, Bischofswerda, Bundesstraße 6 bis Groß Hartau.

Graphische Veranschaulichungen
Angesichts der verwirrenden Eingrenzung des betrachteten Gebietes stellt sich die Frage welche Gebiete nun behandelt werden. Ohne eine detaillierte Ortskenntnis ist die geographische Lage der Kampfgebite I, II und III (S. 31) nicht annähernd nachvollziehbar. Der Autor bleibt dem Leser nicht nur diese Karte schuldig. Auch die Schauplätze, Opferzahlen und die Truppenbewegungen hätten anschaulich dargestellt werden können.
Angesichts der vielen empirischen Daten sind auch weitere Vergleich, wie etwa der Anteil an Kirchgemeinden, in denen es zu willkürlichen Erschießungen kam, vorstellbar.

Quellenauswahl
Die Literaturangaben beschränken sich auf die 205 Fußnoten und die im Text eingeschobenen Hinweise auf die jeweiligen Kirchenbücher/Sterberegister. Welche Pfarrer für diese Register verantwortlich waren, ist nur selten zu entnehmen.
Angaben zum Verlag der verwendeten Literatur sucht man vergebens. Signaturen der Archivalien des Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehem. DDR sind völlig unbrauchbar.
Am meisten verwundert mich, dass in einem Buch über sowjetische/polnische Kriegsverbrechen weder internationale, noch sowjetische/polnische Quellen zurate gezogen wurden. Angesichts der Öffnung russischer Archive wird auf dieses Defizit nicht einmal im Nachwort hingewiesen.

Fazit
Für die dritte Auflage und Überarbeitung bleibt also so manchen zu wünschen übrig. Es handelt sich dabei nicht etwa um kleine Fehler, wie die doppelte Textpassagen auf S. 66f., sondern vorrangig um die handwerkliche Wissensaufbereitung, z.B. durch Karten, und die klare geographische Begrenzung des untersuchten Gebietes. Aufwerten ließe sich die Forschungsarbeit durch die Einbeziehung von Berichten und Archivalien der polnischen und sowjetischen Truppen, die Seidel zu recht als die maßgebenden Kriegsverbrecher identifiziert hat.

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