31.01.2014

Die Jüdische Kultusgemeinde zu Görlitz 1946

Es ist noch gar nicht so lange her, da ent­brannt in Gör­litz eine Streit über die er­neute Nut­zung der Syn­agoge als Got­tes­haus. Eine Gruppe von Gör­lit­zern wollte nach dem Ende des Zwei­ten Welt­kriegs und der Über­win­dung zweier Dik­ta­tu­ren wie­der eine Jü­di­sche Ge­meinde Grün­den. Da­mals glaubte man, dass sich nach 1945 nie wie­der eine Ge­meinde in der Stadt ge­bil­det hatte. Diese Ansicht kann ich nun an­hand von Ar­chiv­ma­te­ria­len des In­ter­na­tio­nal Tra­c­ing Ser­vice in Bad Arol­sen widerlegen.

Meine Re­cher­chen im De­zem­ber 2013 brach­ten drei Lis­ten [4] zu­tage, auf de­nen 22 Name von Mit­glie­dern der „Ju­di­schen Kul­tus­ge­meine Gör­litz“ ver­zeich­net sind. Die Liste um­fasst 15 Män­ner und sie­ben Frauen im Al­ter von 22 bis 86 Jah­ren. Fünf von ih­nen sind ge­bür­tige Gör­lit­zer, die größte Gruppe (8) stammt je­doch aus Bres­lau. In ei­ner der Lis­ten ist ex­pli­zit an­ge­ge­ben, dass 16 Per­so­nen Über­le­bende von Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern („K.Z.“) sind. Min­des­tens vier von ih­nen wa­ren im KZ-​​Außenlager Gör­litz (Mo­ses Man­del­baum, Paul Levy, Leo(n) Hecht, Ja­nusch Obo­ro­witz). Drei Per­so­nen, dar­un­ter die zwei Gör­lit­zer Ja­kob Ab­ra­mo­witz und An­ne­liese Get­zel sind als „Stern­trä­ger“ be­zeich­net. An­ne­liese Get­zels Mann Hein­rich wäre der vierte Stern­trä­ger ge­we­sen, wenn er nicht „auf dem Weg zur Hei­mat“ ver­stör­ben wäre. Drei wei­tere Per­so­nen wer­den als „Sons­tige“ klassifiziert.

Copy of Doc. No. 78785299#1 (3.1.1.3/0001-0197/0077/0065) in con­for­mity with the ITS Ar­chi­ves, 16.12.2013, Ar­chiv­num­mer: 5013

Die Wohn­adres­sen der Gemeindemitglieder

In­ter­es­sant sind auch die Adress­an­ga­ben, die alle im West­teil der Stadt zu ver­or­ten sind. Die Breit­scheid­straße und die Schul­straße konnte ich bis­wei­len noch nicht in Gör­litz aus­fin­dig ma­chen. Es könnte sein, dass diese mit Löbau und Zit­tau in Zu­sam­men­hang ste­hen und die be­tref­fen­den Per­so­nen nach Gör­litz reis­ten.

Be­reits be­kannte Gemeindemitglieder

Ja­nush Obo­ro­witz war ein ehe­ma­li­ger Häft­ling des KZ-​​Außenler Gör­litz. Er lebte min­des­tens bis 1948 in Gör­litz, da er im glei­chen Jahr als Zeuge im Pro­zess ge­gen den Gör­lit­zer Ober­bür­ger­meis­ter Meins­hau­sen und NSDAP-​​Kreisleiter Ma­litz aus­sagte.

Die­ses Foto zeigt ver­mut­lich Ja­nusch Obo­ro­witz auf der Zeu­gen­bank im Malitz-​​Meinshausen-​​Prozess in der Gör­lit­zer Stadthalle

An­ne­liese Get­zel war laut Ka­bus [1] mit dem jü­di­schen No­tar Hein­rich Get­zel ver­hei­ra­tet. Beide leb­ten an­geb­lich bis 1944 ge­mein­sam in Gö­ritz. Nach dem sie 1944 von der Ge­stapo aus ih­rer Woh­nung ver­wie­sen wur­den, ka­men sie beim Rechts­ana­walt und No­tar Dr. Wal­ter Schade un­ter. Schade ver­trat nach Get­zels Be­rufs­ver­bot Gör­lit­zer Ju­den in Rechts­an­ge­le­gen­hei­ten und wurde des­halb von den Na­zis als »Ju­den­an­walt« be­zeich­net. Er half auch an­de­ren Gör­lit­zer Ju­den und müsste viel­leicht auch als ei­ner der „Ge­rech­ten un­ter den Völ­kern“ ge­ehrt werden.

Hans Hil­ler War laut Ro­land Otto im Ghetto Tor­mers­dorf, 15 km nörd­lich von Gör­litz zur Zwangs­ar­beit ver­pflich­tet wor­den [3].

Ja­kob Ab­ra­mo­witz führte laut dem Gör­litz Adress­buch von 1912/​13 ein Herren-​​ und Knaben-​​Garderoben-​​Geschäft am Ober­markt 18. Im Jahre 1946 war er 86 Jahre alt und das äl­teste Mit­glied der Gemeinde.

Ida Bie­der­städt wohnte einst auf der Bautz­ner­str. 1 . Ihre Fa­mi­lie war min­des­tens seit 1913 in Gör­litz ansässig.

Of­fene Fragen

  • Ha­ben sich die 1946 in Gör­litz le­ben­den Ju­den wirk­lich als eine Ge­meinde an­ge­se­hen und ge­mein­sam ih­ren Glau­ben gelebt?
  • Ha­ben die Ge­mein­de­mit­glie­der die Syn­agoge nut­zen können?
  • Wie lange ver­blie­ben die zu­ge­zo­ge­nen Ju­den in Gör­litz? Kann man im Ein­woh­ner­mel­de­amt wei­tere In­for­ma­tio­nen über sie in Er­fah­rung bringen?
  • Wo fin­den sich wei­tere In­for­ma­tio­nen über Dr. Wal­ter Schade und die Getzels?

Li­te­ra­tur

[1] Ronny Ka­bus (2011): "... weine ich täg­lich um mei­nen Va­ter": In der Ge­walt Sta­lins und der SED. Books on Demand.

[2] Ju­den­ar­beits­la­ger Tormersdorf

[3] Ro­land Otto: „Die Ver­fol­gung der Ju­den in Gör­litz un­ter der fa­schis­ti­schen Dik­ta­tur 1933–1945“. Stadt­ver­wal­tung Gör­litz (Hrsg.). Gör­litz 1990.

[4] Ori­gi­nal­quel­len der drei Lis­ten der Mit­glie­der der Jü­di­schen Ge­meinde Gör­litz (1946) so­wie ein Ver­zeich­nis der ex­tra­hier­ten Per­so­nen. ITS Bad Arolsen.


2 Responses to “Die Jüdische Kultusgemeinde zu Görlitz 1946”

  1. Michael Zimmermann Says:

    Die Adres­sen Schul­str. und Breit­scheid­str. exis­tie­ren bzw. exis­tier­ten tat­säch­lich in Gör­litz. Die Schul­str. ist eine Quer­straße von der Ber­li­ner Str. zur Ja­kobs­straße. Die ehe­ma­lige Breit­scheid­straße ist die heu­tige Bismarckstraße.

  2. nise Says:

    Vie­len Dank für den Hin­weis. Dr. M. Bauer hatte mich be­reits über die Exis­tenz der Stra­ßen in­for­miert. Google maps hatte die Schu­straße in ei­nen au­ßer­halb lie­gen­den Stadt­teil oder gar nach Zit­tau ver­or­ten wollen.

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