Ist die Sächsiche Zeitung wirklich online?

Allseits klagen die Printmedien über sinkende Auflagen und den unzureichenden Einnahmequellen des Online-Journalismus. Die Sächsiche Zeitung (SZ) ist, hier in meiner dreiländereckigen Hemisphäre, in Ostsachsen die auflagenstärkste Zeitung. Ich möchte den Klagenden nicht beipflichten, sondern trotz der hier noch erschwerend hinzu kommenden demographischen Entwicklungen einige technologische Verbesserungen im Online-Angebot der SZ anregen. Gegenwärtig speist sich insbesondere das Online-Angebot der Lokalredaktionen automatisch aus den jeweiligen Printausgaben. Ob dieese automatisierte Online-Redaktion bereits ein sinngemäßes Onlineangbote abgibt, stelle ich zur Debatte.

Anonyme Botschaften
Da liest man einmal einen guten Artikel und fragt sich, welch genialer Journalist dahinter steht. SZ Online führt offensichtlich jegliche Urheberschaft auf die “(Sächsische Zeitung)” zurück. Da steht niemand dahinter, könnte man glauben. Anders in der Printausgabe. Dort findet sich sogar die E-Mail-Adresse des jeweiligen Verfassers unter (fast?) jedem Artikel.

Zahlencodes
Statistik ist etwas für hart gesottene Mathematiker. Darum, so scheint es, plottet die automatisierte Online-Redaktion keine Diagramme, sondern gibt direkt und präzise Zahlenreihen wie “1. Kind168,95184,42152,05165,97” zum Besten. Ach, was habe ich Bildschirmleser da schon im Rückkanal gejammert (erhört wurde mein Jammern noch nicht). Keine Spur von Data Driven Journalism, zu dem kürzlich wieder bei der re:publica aufgerufen wurde. Wenigstens herrscht Quelloffenheit.

Die umgekehrte Abo-Falle
Die SZ ist ein Pionier in der Vermarktung der Artikel ihrer Netzausgabe. Während sich Ende 2009 Axel Springer’s Hamburger Abendblatt als Trendsetter in der Wiedereinführung der Bezahlinhalte digitaler Printmedien feierte, verdient die dd+v-Mediengruppe bereits seit 1996 am Online-Abonnement. Natürlich ungeachtet der Tatsache, dass es für einen Inhaber eines Abonnements absolut keinen Grund gibt seine Zugangsdaten NICHT mit anderen zu teilen. Die SZ kann und darf die Mehrfachnutzung nicht überprüfen und hat sich damit selbst eine Abo-Falle gestellt.

Insellösung
Willkommen im World Wide Web, Sie ereichen uns unter http://www.sz-online.de/. Wie toll wäre es, wenn Ted Nelsen in den 1970er Jahren den Hyperlink zum Anklicken nicht erfunden hätte? Ja, dann müssten wir, wie in den Artikeln auf SZ Online, jede Internetadresse markieren, kopieren und in der Adressleiste des Browsers einfügen. SZ Online fehlt es an der grundlegenden Eigenschaft des WWW: der Vernetzung. Weder wird auf Seiten außerhalb des Angebots verwiesen, noch bestehen Verlinkungen zwischen den eigenen Artikeln. Dies erweckt den Anschein, dass Seitenbesucher möglichst lange innerhalb der eigenen Online-Insel gefangen gehalten werden sollen. Der Leser könnte sich wo möglich anderswo tiefgründig mit dem SZ-Artikel auseinandersetzen.
Ganz zu schweigen von der verspielten Chance, besser von Suchmaschinen gefunden zu werden.

Blinklichtgewitter
Die menschliche Wahrnehmung reagiert besonders gut auf Veränderungen im peripheren Sichtfeld. Plötzliche Erscheinungen, die im Randbereich unseres Sehfeldes auftauchen, könnten potentielle Gefahren darstellen, auf die der Mensch im Sinne der Evolution schnell reagieren sollte. Ebenso plötzliche, jedoch weniger gefährliche Ereignisse (sieht man vom Augenkrebs ab) finden sich auf der Seite von SZ-Online. In der Hoffnung den Effekt der Aufmerksamkeitsteuerung zu verstärken, blinken Werbebanner zumeist häufiger als einmal in der Sekunde. Gestern durfte ich gleich drei solcher Blinklichtgewitter zählen. Dumm nur, dass pulsierende Reize nur einmal wahrgenommen werden und dann vom Gehirn ausgeblendet werden.


Zum Abschluss noch eine spannende Datenquelle mit Zugriffsstatistiken von SZ-Online und anderen Online-Medien.
SZ-Online im April ’10: 1.724.561 Zugriffe / Monat => 55 631 / Tag.

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