11.10.2012

Piraten: Futuristen contra Utopisten?

Jörg Blum­trit glaub die zwei ge­gen­sätz­li­che Strö­mun­gen in der Pi­ra­ten­par­tei er­kannt zu ha­ben: die Uto­pis­ten und Futuristen.

Uto­pis­ten sind Men­schen, die an ei­nen zu­künf­ti­gen Zu­stand der Ge­sell­schaft glau­ben , für den sie ar­bei­ten und kämpfen.

Fu­tu­ris­ten se­hen das Gute in der neuen Tech­no­lo­gie. Fu­tu­ris­mus be­zeich­net zu­nächst eine Be­we­gung, die vor 100 Jah­ren von Ita­lien aus­ging. Die Fu­tu­ris­ten da­mals er­kann­ten die Seg­nun­gen, die die Mensch­heit aus der in­dus­tri­el­len Zi­vi­li­sa­tion er­hal­ten könnte – vor al­lem aus der re­la­tiv neuen Elek­tro­tech­nik und der Mo­to­ri­sie­rung. Aber die Fu­tu­ris­ten sa­hen, dass die alte Welt, die de­ka­den­ten Mo­nach­rien, mit ih­rer re­strik­ti­ven Mo­ral die Ent­fal­tung die­ser In­dus­trie­kul­tur nach Kräf­ten aus­brems­ten – völ­lig zu Recht muss­ten die al­ten Macht­ha­ber doch fürch­ten, dass mit der völ­li­gen De­mo­kra­ti­sie­rung der En­er­gie­ver­sor­gung (und da­mit der Pro­duk­ti­ons­mit­tel), ihr Macht­an­spruch “von Got­tes Gna­den” ebenso über­flüs­sig wer­den würde, wie die Se­gel­schiffe oder die Pferdekutschen.

Beim Ver­such mich als Fu­tu­ris­ten zu se­hen, kann ich meine Be­den­ken be­züg­lich Tech­nik­fol­gen (Daten­sam­meln, Daten­mo­no­pole, Daten­schutz, usw.) lei­der nicht un­ter­brin­gen. Als Fu­tu­rist müsste ich je­dem tech­ni­schem Hype fol­gen und die Kon­se­quen­zen für Ge­sell­schaft und für mich pri­vat igno­rie­ren. Con­stanze Kurz be­zeich­nete jene, die die Kon­trolle ih­rer daten­ba­sier­ten Iden­ti­tät für aus­sichts­los er­klä­ren (Post Pri­vacy) kurzum als Spa­cken  (Plu­ral: Spa­cke­ria). Blum­trits Fu­to­ris­ten sind viel­leicht iden­tisch mit den Spa­cken? Der Glaube an eine Post Pri­vacy Ge­sell­schaft halte ich je­doch für eine Dysto­pie statt ei­ner Uto­pie. Post Pri­vacy als Anti-​​Utopie ent­hält we­sent­li­che Züge to­ta­li­tä­rer Sys­teme wie sie Hanna Arendt definiert.

Blum­trit sieht die Kon­flikte zwi­schen bei­den La­gern je­den­falls ge­nau dann ent­ste­hen, wenn ethi­sche oder po­li­ti­sche Fra­gen auf­kom­men, in dem bei­spiels­weise die Uto­pis­ten mit The­men wie Um­welt­schutz, Fe­mi­nis­mus und Ega­li­ta­ris­mus bei den Fu­tu­ris­ten auf taube Oh­ren sto­ßen.  Es ent­ste­hen Grä­ben, die im Shits­torm der Mai­ling­lis­ten ei­nen Aus­druck finden.

Das ei­gent­li­che Pro­blem kann man mei­ner Mei­nung nach auf den Un­ter­schied zwi­schen Form und In­halt re­du­zie­ren. Man kann sich in der in­tern wie ex­ter­nen ge­rich­te­ten Dis­kus­sion der Pi­ra­ten re­la­tiv schnell auf die Form, nicht je­doch auf den In­halt po­li­ti­scher For­de­run­gen ver­stän­di­gen kön­nen. Wäh­rend die Form die Wege der Um­set­zung meint, ver­steht man un­ter In­halt das, was es ei­gent­lich um­zu­set­zen gilt. Die­ses for­ma­li­sierte Den­ken kommt si­cher nicht von un­ge­fähr. In­for­ma­ti­ker, Sys­tem Ad­mi­nis­tra­to­ren oder Tech­ni­ker im All­ge­mei­nen den­ken von Be­rufs­we­gen in For­ma­lis­men und sind ver­sucht ihre Denke in die po­li­ti­sche Pra­xis zu über­füh­ren. Schlag­worte in Be­zug auf die Form sind: Trans­pa­renz, Offenheit/​OpenEverything, Mitbestimmung, …

Der Kon­sens be­steht also hin­sicht­lich der Form, die Di­ver­genz hin­sicht­lich der In­halte. Dies zu än­dern ist eine Her­aus­for­de­rung. Viel­leicht ist die Rolle Pi­ra­ten in den Par­la­men­ten des­halb eher in der der politischen/​demokratischen Ad­mi­nis­tra­tion zu su­chen. Diese Rolle be­stünde in der Ver­mitt­lung von Tech­nik­ver­ständ­nis und dem Auf­zei­gen ad­äqua­ter, netz­ba­sier­ter For­men de­mo­kra­ti­schen Han­delns. Dies al­lein mag nicht ge­nü­gen, um ei­nen po­li­ti­schen Wil­len zu for­mu­lie­ren. Zu­mal jede an­dere Par­tei eine Uto­pie aus dem letz­ten oder vor­letz­ten Jahr­hun­dert für sich be­haup­ten (und des öf­te­ren ver­ges­sen) kann, bleibt un­klar, ob es heute noch Uto­pien gibt. Wech­selnde Tech­no­lo­gien und kür­zer wer­dende Pro­dukt­zy­klen las­sen ver­mu­ten, dass die Zeit zwi­schen Zu­kunfts­vi­sion und Ver­wirk­li­chung der sel­ben im­mer kür­zer zu wer­den scheint. Die ges­tern ent­wi­ckelte Uto­pie hat mor­gen schon je­mand aus­pro­biert und ge­lebt. Die Frage lau­tet da­her viel­mehr, wel­che Uto­pie eine ge­sell­schaft­li­che Re­so­nanz er­zeu­gen ver­mag oder wel­che Dysto­pie wir in ei­nem frei­heit­lich de­mo­kra­ti­schen Land nicht über uns her­ein­bre­chen las­sen wollen.

Posted by nise | Filed in nise81 | Kommentieren »Share this on del.icio.us Digg this! Share this on Facebook Share this on Technorati Tweet This!

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