22.07.2015

Im Hamsterrad der Drittmittel: Anti-Patterns effizienter Forschung und Lehre

1. Anti-​​Pattern: Mikrofinanzierung

Die Frei­heit von For­schung und Lehre ging frü­her wohl ein­mal mit der fi­nan­zi­el­len Frei­heit ein­her, das Bud­get ei­ner Pro­fes­sur im Sinne der Kern­auf­ga­ben aus­zu­ge­ben. Mit der Um­stel­lung auf Dritt­mit­tel­for­schung konnte man sich diese Frei­heit zu­min­dest noch er­kämp­fen, in dem man gute An­träge schrieb und sich ge­gen­über der Kon­kur­renz be­haup­tete. Da ge­wisse Dritt­mit­tel­ge­ber nur nur be­stimmte Kos­ten­stel­len fi­nan­zie­ren, kön­nen in den an­de­ren Kos­ten­stel­len Lü­cken auf­klaf­fen. Bei­spiels­weise sind Rei­se­mit­tel oft ausgschlos­sen oder auf eine be­stimmte Re­gion (Deutsch­land) be­schränkt, wäh­rend For­scher gleich­zei­tig zur In­ter­na­tio­na­li­sie­rung und zum Auf­bau in­ter­na­tio­na­ler Kon­takte an­ge­hal­ten sind. Um ein sol­ches Loch im Dritt­mit­tel­sack zu stop­fen gibt es klei­nere Fi­nan­zie­rungs­mög­lich­kei­ten, z.B. beim DAAD, der DFG oder an den Uni­ver­si­tä­ten (z.B. die Gra­du­ier­ten Aka­de­mie der TU Dres­den). Diese Mi­kro­fi­nan­zie­run­gen be­tref­fen aber auch Zu­schüsse für Hilfs­kräfte, die dann ei­gen­stän­dig und frei­lich ohne Zu­ar­beit eine For­schungs­frage be­ant­wor­ten. In ähn­li­cher Weise kön­nen auch mi­ni­male Auf­sto­ckun­gen, etwa um 25% der Voll­zei­t­äqui­va­lente, als eine Mi­kro­fi­nan­zie­rung an­ge­se­hen werden.

Eine wei­tere Kon­se­quenz ent­steht bei der Ver­wer­tung der Pro­jekt­er­geb­nisse. Durch die Zer­stü­cke­lung von Stel­len und Auf­ga­ben kann ein er­ziel­tes Er­geb­nis nicht mehr ein­wand­frei mit ei­nem Pro­jekt in Zu­sam­men­hang ge­bracht wer­den. In Folge ver­wer­tet man seine Er­geb­nisse (z.B. Pu­bli­ka­tio­nen) in meh­re­ren Pro­jekt­be­rich­ten. Im Ex­trem­fall ist das Sub­ven­ti­ons­be­trug, zu­min­dest er­zeugt es je­doch Re­dun­dan­zen in Abschlussberichten.

2. Anti-​​Pattern: Wer nicht will der hat schon

Die Fa­kul­tä­ten er­hal­ten in Sach­sen nur 90% der ih­nen zu­ge­sag­ten Mit­tel, wo­bei ein­zelne Pro­fes­su­ren (oder Ver­bünde) um die feh­len­den 10% der Mit­tel in An­trags­ver­fah­ren mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren. Wer sich also nicht um diese Mit­tel be­müht, d.h. sich am Ver­ga­be­ver­fah­ren be­tei­ligt, geht ein­fach leer aus. Lehr­stühle sol­len da­mit die In­itia­tive er­grei­fen und sich um eine Fort­ent­wick­lung von Lehre, For­schung und Or­ga­ni­sa­tion be­mü­hen. Busi­ness as usual wird da­mit be­straft und Hand­lungs­spiel­räume wer­den ein­ge­schränkt. Da die­ses Prin­zip die un­glei­che Ka­pa­zi­tä­ten und Be­las­tun­gen ein­zel­ner Lehr­stühle nicht be­rück­sich­tigt, ist eine Chan­cen­gleich­heit nicht ge­währ­leis­tet. Für den Ab­lauf des Be­gut­ach­tungs­ver­fah­rens ist das Mi­nis­te­rium ver­ant­wort­lich, d.h. von Fair­ness und Ob­jek­ti­vi­tät ist auszuegehen.

3. Anti-​​Pattern: Matroschka-​​ oder Schneeball-​​Prinzip

Pro­jekt­ver­ant­wort­li­che star­ten in­ner­halb ih­res Dritt­mit­tel­pro­jekts eine Aus­schrei­bun­gen, um klei­nere Geld­be­träge nach selbst de­fi­nier­ten Kri­te­rien in­ner­halb ei­ner be­stimm­ten Ziel­gruppe zu ver­tei­len. Wer diese Gel­der be­kom­men möchte, muss sich mit ei­nem An­trag darum be­mü­hen und die Kri­te­rien er­fül­len. Was frü­her eine Stel­len­aus­schrei­bung war, sind hier die För­der­richt­li­nien. Statt ei­nes Be­wer­bungs­schrei­bens, wird ein An­trag ein­ge­reicht. Das Be­gut­ach­tungs­ver­fah­ren un­ter­liegt kei­ner Kon­trolle und wer­den in der Re­gel durch as­so­zi­ierte Per­so­nen und Pro­jekt­mit­ar­bei­ter ge­tra­gen. Die üb­li­chen Hü­ter der Chan­cen­gleich­heit für Frauen und Men­schen mit Be­hin­de­rung, blei­ben au­ßen vor. In der Re­gel er­ge­ben sich dar­aus nur sehr kurz­fris­tige Fi­nan­zie­run­gen von Wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­tern oder Hilfs­kräf­ten mit li­mi­tier­ten Sach-​​ und Reisemitteln.

4. Ein Vor­schlag für eine Me­trik der Drittmitteleinwerbung

Der Dschun­gel ver­schach­tel­ter und klein­tei­li­ger För­der­mög­lich­kei­ten nimmt zu­neh­mend mehr Zeit in An­spruch. Um die­ses sub­jek­tive Emp­fin­den zu quan­ti­fi­zie­ren, schlage ich ei­nige Kenn­zah­len vor, die je­der für sich oder für seine Struk­tur­ein­ein­heit  er­he­ben kann. In­ter­es­sant ist daran nicht nur der Ver­gleich zwi­schen ver­schie­de­nen Per­so­nen oder Ab­tei­lun­gen un­ter dem Dach ei­ner Hoch­schule, son­dern auch der Längs­schnitt über me­he­rere Jahre hin­weg. Dem ein­zel­nen kön­nen diese Zah­len viel­leicht hel­fen, den Blick auf das We­sent­li­che, d.h. die Kern­auf­ga­ben, wie­der zu schär­fen und dem Hams­ter­rad der Dritt­mit­tel zu ent­kom­men. Es wäre zu be­grü­ßen, wenn wir im Sinne die­ser Kern­auf­ga­ben wie­der ef­fi­zi­en­ter ar­bei­ten könn­ten, an­statt mas­sen­haft An­trags­prosa im Mar­ket­ting­sprech zu formulieren.

Die fol­gen­den Vor­schläge für Me­tri­ken be­zie­hen sich je­weils auf ein Ka­len­der­jahr und alle ein­ge­reich­ten Dritt­mit­tel­an­träge, ein­schließ­lich mehr­stu­fi­ger und nicht er­folg­rei­cher Anträge.

  • Ge­schrie­bene Zei­chen im An­trags­text (zzgl. Zwischen-​​/​Abschlussbericht) pro ein­ge­wor­be­nem Euro.
  • Ver­hält­nis der in An­trä­gen ge­schrie­be­nen Zei­chen (zzgl. Zwischen-​​/​Abschlussbericht) zur Zei­chen­an­zahl al­ler Publikationen.
  • Ku­mu­lierte An­zahl der Mann­tage für  Pla­nung, Er­stel­lung von An­träge pro ein­ge­wor­be­nen Manntage.
  • Summe der Mann­tage, an wel­chen man sich mit der Pla­nung, Er­stel­lung von An­träge bzw. der Be­richt­er­stat­tung be­schäf­tigt hat.

5. (Dritt-)Mittel der Wahl?

Im klei­nen Hams­ter­rad im Ge­triebe der Hoch­schu­len muss man sich schön mit­dre­hen, funk­tio­nie­ren. Aus an­de­ren Län­dern wis­sen wir je­doch, dass die­ses Sys­tem nicht al­ter­na­tiv­los ist. Für klas­si­sche Fi­nan­zie­rung ei­nes Mit­tel­baus ma­chen sich be­reits Mit­tel­bau­in­itia­ti­ven stark, doch es gibt auch al­ter­na­tive Mög­lich­kei­ten For­schung und Lehre jen­seits der Hoch­schu­len zu be­trei­ben. Viel­leicht ist letz­te­res auch ge­wollt, um die fä­hi­gen Leute in die Arme der Wirt­schaft zu spie­len. Wenn je­doch das Ziel darin be­steht, For­schung und Lehre zu be­strei­ten, gibt es si­cher noch wei­tere Al­ter­na­ti­ven. Ich ver­su­che es mal mit ei­ner Auflistung:

  • For­schung durch Bür­ger­wis­sen­schaft. Siehe http://www.buergerschaffenwissen.de/
  • Le­bens­lan­ges Ler­nen (und Leh­ren) an­hand freier Lern­res­sour­cen, Forschungsergebnisse, ...
  • Stu­den­ti­sche In­itia­ti­ven, die durch ei­gene Lehr­an­ge­bote von der üb­li­chen Lehr­mei­nung in den Wirt­schafts­wis­sen­schaf­ten ab­rü­cken. Siehe Im­puls, In­ter­na­tio­nale stu­den­ti­sche In­itia­tive für Plu­ra­lis­mus in der Öko­no­mie (ISIPE)
  • Der Ver­such das Kon­zept der Klös­ter auf eine athe­is­ti­sche Art und Weise neu zu er­fin­den ist mit den un­Mo­nas­tery wohl ge­lun­gen. Klös­ter wa­ren im Mit­tel­al­ter, weit vor der Grün­dung der ers­ten Uni­ver­si­tä­ten, die ein­zi­gen Orte, in de­nen Men­schen ge­forscht und ge­lehrt ha­ben. Die strikte Le­bens­füh­rung, so­wie die Kom­bi­na­tion aus kör­per­li­cher Ar­beit (neu­deutsch Sport) und Kopf­ar­beit er­scheint auch in der heu­ti­gen Zeit we­ni­ger un­ge­wöhn­lich, als man glaubt.

 

Posted by nise | Filed in nise81 | Kommentieren »Share this on del.icio.us Digg this! Share this on Facebook Share this on Technorati Tweet This!

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