4.05.2012

Wikipedia Academy in Eigenregie

Die auf der letz­ten Wi­ki­ma­nia (2011) vor­ge­stellte In­itia­tive der Wi­ki­pe­dia Aca­demy zielt dar­auf, Stu­die­rende Wikipedia-​​Artikel ver­fas­sen zu las­sen. Die aus Haifa/​Israel mit­ge­brachte Idee hielt ich für nach­ah­mens­wert. Eine erste Ge­le­gen­heit zur Er­pro­bung des Lehr­kon­zepts hat sich im Rah­men der Lehr­ver­an­stal­tung "Leh­ren und Ler­nen mit Neuen Me­dien" er­ge­ben. Teil­neh­mende wa­ren Dok­to­ran­den aus den Be­rei­chen Wirt­schafts­wis­sen­schaft, In­for­ma­tik und Ma­schi­nen­bau des In­ter­na­tio­na­len Hoch­schul­in­sti­tut Zit­tau. Die Ver­an­stal­tung lief über drei Tage und wurde durch ein Me­di­en­prak­ti­kum kom­plet­tiert.
Eine Auf­gabe im Prak­ti­kum be­stand darin, ei­nen un­ge­nü­gen­den oder noch nicht vor­han­de­nen Ar­ti­kel in der Wi­ki­pe­dia zu iden­ti­fi­zie­ren und die­sen dann zu ver­bes­sern bzw. ihn über­haupt erst ein­mal zu schrei­ben. The­ma­tisch habe ich das The­men­spek­trum auf Ler­nen mit Neue Me­dien eingegrenzt.

Meine an­fäng­li­che Ver­mu­tung, Ar­ti­kel aus die­sem The­men­be­reich wä­ren be­son­ders fun­diert, hatte sich be­reits in der Vor­be­rei­tung des Se­mi­nars zer­schla­gen. Das Ge­gen­teil war der Fall. In Be­zug auf die päd­ago­gi­schen Psy­cho­lo­gie so­wie Bil­dungs­tech­no­lo­gien man­gelte es an ba­sa­len Be­grif­fen (z.B. Kom­pe­tenz) und ver­brei­te­ten Tech­no­lo­gien (hier in Sach­sen z.B: OPAL als Lern­ma­nage­ment­sys­tem).
Sechs der 15 Se­min­ar­teil­neh­mer füg­ten der En­zy­klo­pä­die ei­nen neuen Ar­ti­kel hinzu, wo­bei es oft­mals eine eng­lisch­spra­che Vor­lage gab. Alle übri­gen mach­ten sich an die nicht min­der schwere Auf­gabe, ei­nen vor­han­de­nen Ar­ti­kel auf seine Schwä­chen hin zu ana­ly­sie­ren und struk­tu­rell so­wie in­halt­lich zu ver­bes­sern.
Als be­son­ders ge­lun­gene Ar­ti­kel möchte ich fol­gende Bei­träge hervorheben:

Als be­son­ders be­liebt er­wie­sen sich un­ter den Teil­neh­mer Ar­ti­kel zu Service-​​Produkten im E-​​Learning (Khan Aca­demy, Con­ne­xion, iTu­nes U, Open­Le­arn, Open­Cours­Ware ...). Auch wenn diese Dienste wäh­rend der Ver­an­stal­tung eine ge­wisse Be­ach­tung fan­den, hätte ich eine ge­rin­gere Re­so­nanz er­war­tet. Im­mer­hin be­we­gen sich die Ar­ti­kel oft haar­scharf an der Grenze zur Wer­bung für die ent­spre­chen­den An­ge­bote. Prin­zi­pi­ell muss man sich fra­gen, in wie man man sie als re­le­vant an­se­hen kann.

Als Her­aus­for­de­rung im Rah­men des The­men­ge­bie­tes be­griff ich ne­ben den drei be­reits er­wähn­ten, die Ar­ti­kel über das Peer As­sess­ment und Ko­gni­ti­vis­mus.

In den Er­geb­nis­sen tra­ten dann auch so man­che De­fi­zite im Um­gang mit der Wi­ki­pe­dia und sei­ner Ge­mein­schaft zu Tage. Zum ei­nen be­traf dies die Ein­bin­dung von an­de­ren Me­dien (Bil­der, Vi­deos, ...). An­ge­sichts der text-​​dominierten Wis­sens­ge­sell­schaft war dies zu er­war­ten. Die man­gelnde Re­prä­sen­tanz von Vi­deos ist in der Wi­ki­pe­dia seit lan­gem be­kannt. Be­treffs der Ge­mein­schaft der Wi­ki­pe­dia­ner (ein­schließ­lich ih­rer Bots) sorg­ten die Schutz­vor­rich­tun­gen vor Van­da­lis­mus für die meis­ten Ir­ri­ta­tio­nen un­ter den Teil­neh­mern. So war­te­ten neue Ar­ti­kel wo­chen­lang auf eine Mar­kie­rung durch ei­nen Ad­min. Auch die Vertrauens-​​Mechanismen, etwa bei der Ver­schie­bung von Ar­ti­kel durch neue Be­nut­zer, be­hin­derte die Ar­beit. Fast Gänz­lich un­ge­nutzt blie­ben die Dis­kus­si­ons­sei­ten - lei­der in ei­nem Falls auch dann, als eine hal­ber Bei­trag von ei­nem an­de­ren Wi­ki­pe­dia­ner ge­löscht wurde. Als be­treu­en­der Do­zent habe ich mich in sol­chen Fäl­len wei­test­ge­hend zu­rück­ge­hal­ten, um keine Ver­zer­run­gen ge­gen­über den rea­len Kon­flik­ten und Pro­ble­men zu be­wir­ken. Ein­zig ein Nag­tiv­feed­back im Sin­ner der wi­ki­pe­dia­ni­schen Dis­kus­si­ons­kul­tur hin­ter­ließ ich auf den Dis­kus­si­ons­sei­ten. Lob und Wert­schät­zung flo­ßen auf an­de­ren Kanälen.

Die von der Wi­ki­pe­dia emp­foh­lene Vor­ge­hens­weise konnte ich nur be­dingt anwenden:

  1. Am­bas­sa­dor Trai­ning => die Trai­nings konn­ten nicht lei­der nicht als vir­tu­elle Ler­hver­an­stal­tun­gen an­ge­bo­ten wer­den
  2. Pla­nung (Am­bas­sa­dor + Do­zent) => war aus zeit­grün­den un­mög­lich
  3. Ein­füh­rung in der Lehr­ver­an­stal­tung (Ge­brauch der Wi­ki­pe­dia /​ best prac­tice) => 15 min + Selbststudium
  4. Ana­lyse exis­tie­ren­der Wikipedia-​​Artikel zur Iden­ti­fi­ka­tion feh­len­der oder un­voll­stän­di­ger In­for­ma­tio­nen => Mit­tei­lung per E-​​Mail
  5. Re­se­arch: Li­te­ra­tur­re­cher­che => ei­gen­stän­dig
  6. Schrei­ben: ein­zeln oder als Gruppe meh­re­rer Stu­die­ren­der => bin­nen ei­nes Monats
  7. Eva­lua­tion: ver­fas­sen eine re­flek­ti­ven Ar­ti­kel buw. ei­ner Prä­sen­ta­tion über den Ent­ste­hungs­pro­zes­ses des Wikipedia-​​Artikels in der Lehr­ver­an­stal­tung. => in der Block­ver­an­stal­tung war dies im Nach­hin­ein nicht möglich

Als Fa­zit kann ich fest­hal­ten, dass sich die Er­pro­bung der Wi­ki­pe­dia Aca­demy auch in Ei­gen­re­gie lohnt. Der Ge­winn an Er­fah­run­gen mit der Wi­ki­pe­dia dürfte auf bei­den Sei­ten nicht un­er­heb­lich ge­we­sen sein. Meine Hoff­nung be­steht nun darin, dass die Teil­neh­mer, aber auch ei­nige Kol­le­gen die­ses Lehr­sze­na­rio in ih­rer ei­ge­nen Lehre an­wen­den und so­mit ei­nen klei­nen Bei­trag für die Wis­sens­all­mende leis­ten, an­statt wie bis­her Se­mi­nar­ar­bei­ten für den Pa­pier­korb oder das per­sön­li­che Daten­ar­chive schrei­ben zu las­sen. In Hin­blick auf die er­zielte Qua­li­tät be­steht si­cher noch keine Ver­gleich­bar­keit mit wis­sen­schaft­li­chen En­zy­klo­pä­dien. Doch im­mer­hin er­öff­nen die in die­sem Se­mi­nar be­ar­bei­te­ten Ar­ti­kel die Chance künf­ti­gen noch wei­ter ver­bes­sert zu werden.

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