Testimonie: Samuel Reifer

Geburtsdatum: 15. November 1921
Geburtsort: Chrzanow [zwischen Kattowitz und Krakau, Polen]

Auszüge meiner Erlebnisse während der deutschen Besetzung 1939-1945
(Chrzanow, Sosnowiec, Blechhammer, Gräditz, Faulbruck, Markstadt, Görlitz, Zittau)

Nach dem Warschauer Aufstand im Aprill 1944 wurden Polen nach Fünfteichen [bei Breslau] gebracht.
Ungefähr 403 Juden wurden ausgesonderd und nach Görlitz gesandt. Zunächst kamen wir in Barracke Nr. 28, wo der Blockälteste ein gewisser Kannegießer war – ein Jude aus Dziedzice – ein Schläger. Wir wurden von Samstag bis Montag dort festgehalten und niemand durfte in unsere Nähe kommen.
Am Montag trieb man uns von den Barracken mit Gewehrkolben zum Bahnhof und lud uns in drei Waggons.
Sie waren sehr überfüllt. Wir reisten zwei Tage unter furchtbaren Bedingungen ohne Essen oder Wasser. Die Hitze war nur schwer zu ertragen. Ich werde dies Reise niemals vergessen. Vor unserer Abfahrt in Fünfteichen nahm man uns die gestreifte Uniform ab, wenn jemand Lederschuh besaß, so nahm man auch diese. Man gab uns gefärbte Zivilkleidung.
Bei unserer Ankunft wurden wir durch Schläge des Lagerältesten aus dem Zug getrieben. Er war ein deutscher Krimineller und auf einem Auge blind. Er trieb uns jeden Tag barfuß, hungrig und erschöpft durch die Stadt. Er befahl uns die gestreiften Mützen abzunehmen, damit die Bevölkerung an unsern rasierten Köpfen erkennen konnte, dass wir Kriminelle waren.
Am Ende kamen wir ins Lager, welches aus mehreren Barracken bestand, in welchen man schon polnische und ungarisch Juden eingesperrt hatte. Man gab uns nichts zu essen. Sofort wurde ein Apell angeordnet. Meister aus dem Wagon- und Maschinbauwerk kamen ins Lager und wählten uns für die Arbeit in der Fabrik aus. Wir brüllten das wir hungrig sind. Sie antworteten, dass sie auf die Ankunft eines neuen Transports nicht vorbeiret waren.
Als nächstes wurde ein Bad abgehalten. Wir zogen uns auf dem Apellplatz nackt aus und warfen unsere Uniform auf einen Haufen. Die Deutschen richteten dann einen Wasserstrahl aus einem Gummieschlauch auf uns. Anschließend führte man uns nackt zu den Barracken. Um 2 Uhr morgens weckte man uns, um unsere Sachen aus dem Haufen auf dem Apellpaltz zu suchen. Die Deutschen erlaubten uns nicht Unterwäsche zu tragen, weshalb der Lagerleiter jeden persönlich kontrollierte, um zu sehen ob jemand ein Unterhemd trägt. Man gab uns schwarzen Kaffee ohne Brot und nötigte uns in die Fabrik zu gehen, wo uns die Meister in verschiedene Abteilungen einteilten. Mein Meister hieß Müller. Zum Mittag gab es etwas zu essen. Die Suppe wurde in der Fabrik portioniert und für viele von uns gab es keine.
An diesem vierten Tag hatten viele von uns nichts zu essen. Nach der Arbeit marschierten wir halb lebendig ins Lager. Der Weg dauerte eine Stunde. Im Lager erwartete uns der Lagerleiter. Wir wurden durchsucht, um zu sehen, ob jemand etwas aus der Fabrik gestohlen hatte. Im Lager bekamen wir wieder Suppe und wieder war nicht genug für alle da. Sie gaben uns kein Brot.
In der Fabrik behandelte uns der Meister, ohne anfangs zu wissen, dass wir Juden sind, gut. Sie gaben uns Holzschuhe und erlaubten uns gruppenweise ein Bad in der Fabrik zu nehmen. Als sie erfuhren, dass wir Juden sind, kühlte ihr Verhältnis zu uns ab. Nur am folgenden Tag bekamen wir 330g Brot. Kurze Zeit später brach die Ruhr epedimieartig aus.
Es gab ein Krankenrevier für kranke Leute, doch der jüdisch-ungarische Arzt schlug die Kranken. Der Lagerälteste stahl den Ruhrkranken Brot und befahl ihnen dann arbeiten zu gehen. Für einen Bonus, den wir für gutes Arbeiten in der Fabrik erhielten, konnten wir im Lager Zigaretten bekommen. Der Lagerälteste konfiszierte sie aber. Unser Blöckältester schlug mich einmal so furchtbar, dass ich mehrere Tage nur liegen und nicht sprechen konnte.
Der Lagerälteste durchsuchte uns täglich und nahm uns sogar unser bißchen Brot. Er trieb Kranke vom Krankenrevier zur Arbeit. Die Leute starben wie die Fliegen. Mein Meister Müller erstellte jeden Tag einen Bericht über Leute die ungenügend arbeiteten. Dafür verteilte der Lagerälteste dann Schläge auf dem Apellplatz. Die Zustände im Lager waren unbeschreiblich. Da war eine riesige Menschenmasse. Als ein Transport mit Juden aus Lotsch eintraf, bekamen wir keine neuen Baracken. Das Wasser lief durch die Löcher im Dach in die Baracken hinein. Im Winter waren die Baracken unbeheizt. Einige Häftlinge hatten keine Decken. Dort war eine ungeheure Anzahl an Läusen. Die meisten Häftlinge hatten keine Unterwäsche. Weil die ganze Fabrik von Läusen befallen war, wurde ein Entläusungssysten geschaffen, was aber wenig nützte, da unser Lager voller Läuse war. Wenn wir uns auf das Bretterbett legten, befiehlen uns sofort tausende von Läusen.
Einmal, während der Nachtschicht, wurden ein paar durchbohrte Scharniere neben meiner Maschine gefunden. Müller verlangte, dass ich ihm sage wer dies getan hat. Ich wußte nichts davon, doch Müller wollte eine Antwort aus mir herausprügeln, er trat mich und schlug mir ein paar mal ins Gesicht.
Am folgenden Tag befahl mir Müller, gleich nach dem ich zur Arbeit kam, in den Keller zu gehen, wo er mich in die Hände von Kapo Spalter, aus Chrzanow, fallen lies und meinte, dass ich meine Schuld nicht zugeben wuerde. Spalter sollte eine Antwort aus mir herausprügeln. Ich wiederholte, dass ich von nichts wußte. Dann legten sie mich über einen Stuhl, zwei jüdische Vorarbeite hielten mich fest. Einer hielt meinen Kopf, der andere meine Beine. Spalter schlug mich mit einem Gummiknüppel. Ich bekam 20 Schläge auf meinen nackten Rücken. Müller nahm ihm dann den Gummiknüppel ab und gab ihm einen dicken Holzknüppel. Spalte hielt das Knüppel mit beiden Händen und schlug so heftig auf mich ein, dass das Knüppel an mir zerbrach. Ich war blutüberströmt und konnte mich nicht von der Stelle bewegen. Halb lebendig brachte man mich in Fabrik, wo ich gekrümmt neben meiner Maschine stand und vor Schmerzen weinte.
Um 1 Uhr konnte man im Keller Mittagessen gehen, aber ich konnte ich runter geh, so blieb ich am Arbeitsplatz. Als mich ein SS-Mann fragte warum ich nicht zum Mittagessen gehen würde, zeigte ich ihm meine Wunden. Er rief Spalter und brüllte ihn an, dass es ihm nicht gestattet ist einen Häftling in solch einer Weise zu schlagen. In diesem Moment kam Müller mit ein paar Vorarbeitern hinzu. Ich wiedersprach dem und erzählte, was Müller Spalter hat. Ich lies meine Hosen herunter und zeigte, den an der Arbeitsstelle anwesenden Personen, öffentlich meine Wunden von den Schlägen. Müller erötete und sagte: „Weg mit dem Schwein“. Sie brachten mich in den Keller, dort lag ich bis zum Ende des Arbeitstages auf dem Bauch. Müller kam dann in den Keller und brüllte, dass ich simmuliere. Er begann mich wieder zu treten und zu schlagen, schließlich gingen wir zu einem Lastwagen. Man brachte mich ins Lager. Müller befahl mich an den Lastwagen zu bin binden und ins Lager zu laufen. Als weg war, setzten mich Kollegen auf die Ladefläche. Halb lebendig fuhren sie mich in Dispensatorium (Krankenrevir). Während einer Kontrolle nahm mich der Blöckälteste Szylit barfuß in die Baracke des Block 1. Dort versammelten sich alle Leute aus dem Block und die vom Stubendienst. Lagerkapo Tanenbaum, ein Jude aus Rzeszow, sagte, dass ich nur sumuliere. Er schlug und trat auf mich ein. Die versammelten Leuten lachten und machten mich lächerlich, drohten mich zu erhängen.
Plötzlich kam der Lagerälteste herein, erstens beschuldigte er mich vor allen Leuten meine, dass ich meine Wunden der Schläge allen Arbeitern in der Fabrik gezeigt habe. Dadurch hätte ich dem Ansehen der Deutschen gegenüber den ausländischen Arbeitern geschadet. Zweitens hätte ich mich an der Sabotage beteiligt und somit einer organisierten Bande geholfen, die den deutschen Staat ausraubt.
Das Urteil für diese beiden Verbrechen war, dass man mich nach Gross-Rosen schickte, wo ich einen leichten Tot im Schornstein des Krematoriums finden sollte. Am folgenden Tag um 11 Uhr morgens bereite man sich darauf vor mit mir, zwei SS-Männern und zwei Leuten aus dem Block als Zeuge meiner Exekution, zu gehen. Dieser Lagerälteste hat schon einmal einen Juden namens Freund wegen angeblich zu langsamer Arbeit nach Gross-Rosen geschickt, wo er erhängt wurde. Ich war schon vollkomen abgeschrieben, doch an Stelle dessen, fragte man, ob der Lagerälteste persönlich das Urteil über mich vollstrecken könnte. Der Lagerälteste widerief daraufhin das Urteil falls ich all das zurücknehme, was ich gestern in der Fabrik gesagt habe.
Kollegen brachten mich zur Fabrik. Unter Anleitung des Lagerältesten sagte ich zu Müller, dass die Prügel, die ich in der Fabrik bekomme, nichts im Vergelich zu der ist, die ich im Lager bekomme. Müller konnte lange Zeit nicht vergessen, wie ich mit runtergelassenen Hosen vor all den Fremden stand. Nach dieser unmenschlichen Prügelei mußte ich sechs Wochen auf meinem Bau schlafen. Es ist bis heut noch nicht gut.
Ende Januar 1945 kam ein Zug aus Auschwitz in unserem Lager an.Sie kamen zu Fuß, barfuß und zügig.
Sie blieben nur eine Nacht bei uns.
Im Lager war es furchbar schmutzig. Die Läuse fraßen uns. Es gab kein heißes Wasser. Nicht einmal während unseres Aufenthalts in Görlitz bekamen wir Gelegenheit unsere Unterwäsche zu wechseln. Die Gefangenen verotteten in ihren miesen Lumpen. Der Judenälteste verkaufte für einen Bonus eine Abendsuppe. Auf diese Art bekam er Zigaretten für sich selbst.
Im Februar kam ein Eisenbahnwagon mit Dokumenten aus Auschwitz in unserem Lager an.
Am 12. Februar 1945 schickte man 100 Juden von Görlitz nach Zittau in Sachsen. Ich war unter ihnen. Man brachte uns zu einer Flugzeugfabrik. Dort fanden wir 500 ungarische-jüdische Frauen und 200 jüdische Männer, die aus Auschwitz gekommen waren.
Von dieser Zeit an hatte ich Durchfall. Durchfallkranke brachte man in der sogenannten Durchfallstation unter, gewöhnlich bezecihnete man sie auch als „Durchgangslager in die andere Welt“. In dieser Station waren nicht mehr als acht Patienten, von denen täglich mindestens zwei bis drei starben. Diese wurde durch die selbe Anzahl neuer Patienten ersetzt. Es war nicht möglich dort länger als 2-3 Tage zu überleben.
Jeden Sonntag trieb man die Kranken nackt zur Entläusung und kalten Dusche in die Kälte raus. Der SS-Aufseher der Ruhrkrankenstation war ein fürchterlichzer Sadist. Einmal schlug Dr. Poznanski aus Sosnowiec, weil der Doktor einem Häftling gestattete seine Socken im Bett des kalten ungeheizten Zimmers anzulassen.
Das Personal rechnete nicht mehr mit meinem Überleben. Ich hatte eine fortgeschrittene Ruhrerkrankung, meine Hand war vereitert und geschwollen. Jeden Tag fragten die Deutschen nach mir: „Lebt er noch“, weil bisher niemand länger überlebt hatte als ich. Als ich am 5. Mai 1945 ohne Bewußtsein, fast schon Tot da lag, erzählten mir die Leute, dass sich die Deutschen schon aus dem Staub gemacht hatten. Da bekam ich neuen Mut und Hoffnung. Ich sah wie sich die Häftlinge schon frei bewegen konnten, denn die die laufen konnten, gingen raus und aßen gut. Die Deutschen waren geflohen. Freunde kamen und erzählten mir, was wir großartiges erreicht hatten. Wir waren frei und konnten uns ohne Aufsicht bewegen. Aber ich hörte nur davon, weil ich nicht laufen konnte. Die Freude einiger Häftling kehrte sich in Traurigkeit.
Am 9. Mai 1945 kam die erste Patrolie der Roten Armee an. Als ich sie sah, fingen wir mit ihnen an zu weinen. Unter ihnen war ein jüdischer Hauptmann namens Wasser, der sich bestens um uns kümmerte.
Am 10. Mai 1945 brachte man uns ins Stadtkrankenhaus Zittau. Dort lagen wir im Krankenhausgarten. Das erste mal seit 69 Monaten atmeten wir die Luft der Freiheit. Wir riefen uns gegenseitig zu: „Wir sind frei“. Wir lagen im Gras, die herrliche Maisonne schien das erstee mal auf uns als freie Menschen. Russische Soldaten stürmten durch die Stadt und brachten die Deutschen zu Fall.
Wir schaute nicht aus wie menschliche Wesen. Wir waren wie menschliche Fetzen aus einem Alptraum. Ich wog ungefähr 30 kg. Ich habe alles überlebt. Ich bin immer noch nicht gesund. Ich besuche Krankenhäuser und Sanatorien. Ich hoffe auf bessere Tage wie sie unsere Vorfahren hatten.

Gezeichnet: Samuel Reifer
Bukowiec, 26. Dezember 1946

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